Über kaum etwas sind sich Menschen so einig wie über den Krieg: Wer sich gegen Kriege und das Sterben unzähliger Unschuldiger ausspricht, erntet fast nie Widerspruch. Selten fragt man aber, wer einen Krieg bezahlt – und womit. Kriege verschlingen enorme Summen, und die Steuern reichen dafür fast nie. Genau hier wird die Art des Geldes entscheidend.
Worum es in dieser Reihe geht
Die Reihe «Wie Bitcoin Kriege verhindern kann» zeigt in vier Teilen an Beispielen aus der Geschichte, wie Kriege finanziert wurden, welche Rolle das Geld dabei spielte und warum Bitcoin als weltweites Geld das erschweren könnte:
- Münzverschlechterungen (dieser Teil): wie Herrscher ihre Münzen verwässerten und wie die ersten Notenbanken entstanden.
- Ungedecktes Papiergeld: Kriege, bezahlt mit der Notenpresse, von den amerikanischen Kolonien bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg.
- Die Weltkriege: das Ende des Goldstandards und die Finanzierung der grössten Kriege der Geschichte.
- Das Finale: die Argumente im Überblick.
Krieg und die Entwertung des Geldes
Die Staatsverschuldung Grossbritanniens und der USA im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung zeigt über die Jahrhunderte ein Muster: Die Spitzen fallen fast immer mit grossen Kriegen zusammen, etwa mit den Kriegen gegen Napoleon oder den Weltkriegen. Die Steuern genügten nicht, also liehen sich diese Staaten sehr viel Geld.
Wie leicht das geht, hängt von der Art des Geldes ab. Im heutigen Fiatgeldsystem kann die Zentralbank dem eigenen Staat theoretisch unbegrenzt neues Geld verschaffen. Bezahlen müssen das meist jene, die in der Landeswährung oder in Staatsanleihen sparen: Ihr Erspartes verliert still an Kaufkraft. Wie solche Schuldenberge entstehen, erklärt der Beitrag Der Schuldenzyklus.
Auch früher gingen Kriege mit Geldentwertung einher. Die Wirtschaftshistoriker Kıvanç Karaman, Şevket Pamuk und Seçil Yıldırım-Karaman haben europäische Münzen über Jahrhunderte bis zum Ersten Weltkrieg untersucht. Ihr Ergebnis: Staaten unter Kriegsdruck verschlechterten ihr Geld deutlich stärker, Staaten mit beschränkter Regierungsmacht weniger; bei Bürgerkriegen zeigt sich der Effekt schwächer. Die Forschung sieht laut den Autoren im Geldbedarf der Kriegsführung mit Abstand die wichtigste Ursache solcher Abwertungen.
Das Geld selbst war dabei nur indirekt das Problem. In Europa bezahlte man damals überwiegend mit Gold- und Silbermünzen – und trotzdem gab es lange, grausame Kriege. Denn die Münzen prägten die Herrscher. Brauchten sie Geld, senkten sie den Edelmetallgehalt: Sie liessen umlaufende Münzen einsammeln, einschmelzen und mit weniger Silber neu prägen. Bis ins 18. Jahrhundert war das eine der üblichsten Methoden, in Kriegszeiten an Mittel zu kommen.
Der Hundertjährige Krieg (1337–1453)
Im Hundertjährigen Krieg kämpften England und Frankreich, doch viele weitere Gebiete waren beteiligt. Zahlreiche Herrscher werteten ihre Währungen ab, um ihn zu bezahlen; das Geldwesen wurde instabil, die Preise stiegen, die Wirtschaft litt. Laut dem Wirtschaftshistoriker John Munro verschlechterten etwa Frankreich, Flandern, Brabant, Aragon und mehrere italienische Staaten ihre Münzen so stark, dass die Menschen das Geld regelrecht mieden. England war die Ausnahme: Die Krone senkte das Gewicht ihrer Silbermünzen 1351 nur einmal und leicht und hielt ihr Geld danach bis 1411/12 stabil. Den grössten Teil der Kriegskosten deckte sie mit sehr hohen Steuern – eine Ausnahme, die selten bleiben sollte.
Rough Wooing und die Grosse Entwertung (1543–1551)
Wie Münzen für Kriege und ein prunkvolles Hofleben verwässert wurden, zeigt England im 16. Jahrhundert. Heinrich VIII. und sein Sohn Eduard VI., der ihm 1547 auf den Thron folgte, stehen für die «Great Debasement», die Grosse Entwertung.
Heinrich lebte verschwenderisch, war schwer übergewichtig und galt als kriegslustig. Als die Feldzüge gegen Frankreich seine Kassen geleert hatten, senkte er heimlich den Silbergehalt der Münzen. Damit bezahlte er auch den Krieg gegen Schottland, mit dem er die Heirat seines Sohnes mit der jungen Königin Maria Stuart erzwingen wollte, spöttisch «Rough Wooing» genannt, grobe Brautwerbung. Eduard setzte die Praxis fort.
Der Historiker Stephen Deng beschreibt das Ausmass: Rund 400 Jahre lang hatte das englische Silbergeld einen Feingehalt von 92,5 Prozent. Unter Heinrich sank er stufenweise auf 75, 50, 33 und 25 Prozent. Eine Ausgabe von 1551 unter Eduard enthielt nur noch etwa 17 Prozent des früheren Silbers. Der Ruf der englischen Münzen, um die man England in Nordeuropa beneidet hatte, war rasch dahin.
Das Silber wurde durch billiges Kupfer ersetzt. Mit der Abnutzung schimmerte das Kupfer an der erhabensten Stelle des Münzbildes durch, an Heinrichs Nase. Das Volk nannte ihn «Old Coppernose», alte Kupfernase. Die Menschen verloren das Vertrauen ins Geld, die Preise stiegen, England verarmte.
Der Achtzigjährige Krieg (1568–1648)
Im Achtzigjährigen Krieg kämpften die Niederlande, damals eine Drehscheibe des Welthandels, um ihre Unabhängigkeit von Spanien. Mitten im Krieg, 1609, entstand die Amsterdamer Wechselbank. Die öffentliche Bank verrechnete Zahlungen bargeldlos über Konten. Ähnliche Banken gab es in Italien schon früher, doch sie wurde zum Vorbild späterer Zentralbanken. Laut den Wirtschaftshistorikern Oscar Gelderblom und Joost Jonker setzten die niederländischen Provinzen nach 1610 zudem vor allem auf handelbare Obligationen statt auf Leibrenten und konnten so mehr Geld für den Krieg aufnehmen. Die Niederlande gewannen: Der Westfälische Frieden von 1648 bestätigte ihre Unabhängigkeit. Derselbe Frieden löste übrigens auch die Eidgenossenschaft formell vom Heiligen Römischen Reich, ausgehandelt vom Basler Bürgermeister Johann Rudolf Wettstein.
Der Dreissigjährige Krieg (1618–1648)
Der Dreissigjährige Krieg gehört zu den verheerendsten Kriegen überhaupt. In den betroffenen Gebieten sank die Bevölkerung Schätzungen zufolge um rund ein Drittel. Gekämpft wurde vor allem im Reich zwischen protestantischen und katholischen Mächten, doch viele Staaten Europas mischten mit.
Die ersten Kriegsjahre heissen auch Kipper- und Wipperzeit. Man wog die umlaufenden Münzen auf der Waage («wippen»), sortierte die silberreicheren aus («kippen») und prägte aus ihnen mit Kupfer mehr und schlechtere neue Münzen.
Bald geschah das staatlich organisiert. Fast alle Landesherren verschlechterten ihre Münzen immer weiter und setzten die Kipper und Wipper gezielt ein. Im Herzogtum Braunschweig enthielten die Münzen 1619 nur noch knapp die Hälfte des vorgeschriebenen Silbers, 1620 nur noch ein Drittel. Überall entstanden neue Münzstätten, manche Herrscher prägten sogar die Münzen ihrer Nachbarn in noch schlechterer Qualität nach und brachten sie dort in Umlauf. Am Ende bestanden viele Münzen fast nur noch aus Kupfer.
Die Ökonomen Isabel Schnabel und Hyun Song Shin beschreiben den Verlauf: Der Krieg steigerte den Geldbedarf der Fürsten weiter, die enorme Geldvermehrung brachte zuerst einen Boom, dann stiegen die Preise rasant, und der Aufschwung kippte in Hyperinflation und Krise. Erst um 1623 kehrten die Landesherren zu vollwertigen Münzen zurück.
Papiergeld und Notenbanken für den Krieg
Schweden
1656 gründete Johan Palmstruch nach Amsterdamer Vorbild die Stockholms Banco. Ab 1661 gab sie die ersten Banknoten Europas aus. Neu war laut der Schwedischen Reichsbank, dass die Scheine an keine bestimmte Einlage gebunden waren; sie beruhten allein auf dem Vertrauen, dass die Bank sie in Münzen einlöst. Hinter dem Papier steckten auch Schwedens leere Kassen nach dem Dreissigjährigen Krieg. Die Bank gab rasch zu viele Noten aus, ihr Wert fiel, und nach wenigen Jahren brach sie zusammen. Der Staat übernahm: 1668 entstand die heutige Reichsbank, je nach Definition die älteste Zentralbank der Welt.
Ab 1701 gab die Reichsbank wieder Scheine aus, während Schweden im Grossen Nordischen Krieg (1700–1721) kämpfte. Nach der Niederlage bei Poltawa 1709 stürmten die Sparer laut der Reichsbank die Bank. Weil diese dem König viel Geld geliehen hatte, war nicht genug da. Sie schloss die Schalter und fror die Einlagen ein, mit der Begründung, jeder müsse seinen Beitrag zum Krieg leisten.
England
Die Bank of England entstand 1694 im Pfälzischen Erbfolgekrieg (1688–1697). Nach der verlorenen Seeschlacht von Beachy Head 1690 musste England seine Flotte neu bauen, fand wegen seiner schlechten Kreditwürdigkeit aber kaum Geldgeber. Über die neue Bank erhielt die Krone 1,2 Millionen Pfund zu damals günstigen 8 Prozent. Laut den Historikern Patrick O'Brien und Nuno Palma hätte Grossbritannien ohne die Bank in mehreren Krisen kaum weiterkämpfen können.
Die Geldgeber brachten Edelmetall ein und erhielten Forderungen, die sich in Banknoten umwandeln liessen. Diese wurden immer mehr zum Zahlungsmittel. Schon 1696 kam die erste Krise: Laut dem Historiker Scott Duryea gab die Bank rund 760'000 Pfund in Noten aus, um Staatsschulden zu kaufen. Die Preise stiegen, die Menschen wollten einlösen, die Bank war zahlungsunfähig, und das Parlament erlaubte ihr, die Auszahlung in Münzen auszusetzen.
Danach waren die Noten meist wieder einlösbar. 1708, im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714), erhielt die Bank faktisch das Notenmonopol unter den grossen Banken Englands, und ab 1717 stand das Land faktisch auf Gold. Trotzdem bezahlte es seine Kriege laut den Ökonomen Michael Bordo und Eugene White vor allem mit ungedeckten kurzfristigen Schuldscheinen. Duryea betont, wie viel Macht die Bank über die Geldmenge hatte: Grossbritannien konnte Kriege führen, ohne für jeden Kredit private Investoren zu gewinnen. Im Krieg lieh sich der Staat Geld, im Frieden zahlte er teilweise zurück. Trotzdem stieg die Staatsschuld im 18. Jahrhundert von Krieg zu Krieg auf neue Höchststände, vom Spanischen Erbfolgekrieg über den Krieg um Jenkins' Ohr und den Siebenjährigen Krieg bis zum Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg.
Frankreich
Frankreich war nach dem Spanischen Erbfolgekrieg und dem teuren Hof Ludwigs XIV. hoch verschuldet. 1716 überzeugte der Schotte John Law, ein notorischer Glücksspieler, die Regierung, mit Papiergeld die Staatsschulden loszuwerden. Er gründete die Banque Générale und wurde 1720 oberster Finanzverwalter. Anfangs liessen sich die Noten in Gold und Silber tauschen, doch die Bank gab weit mehr Papier aus, als sie an Metall besass. Die Geldflut entfachte einen Aufschwung und die Mississippi-Blase (1718–1720). Als die Menschen misstrauisch wurden und einlösen wollten, wurde der Umtausch eingeschränkt. Es folgten hohe Inflation und der Zusammenbruch. Law, nun als Betrüger verschrien, floh 1720 nach Brüssel.
Russland
Russland führte 1769 mit dem Assignaten-Rubel Papiergeld ein. Der Siebenjährige Krieg (1756–1763) hatte die Kassen geleert, schon für ihn waren Münzen verschlechtert worden. Mit dem Papier konnte Russland gleich drei Kriege führen: gegen das Osmanische Reich (1768–1774), gegen die Konföderation von Bar (1768–1772) und gegen den Kolijiwschtschyna-Aufstand (1768). Laut dem Historiker Michael Florinsky wuchs die Papiergeldmenge bis 1796 auf 156 Millionen Rubel und bis 1817 auf 846 Millionen. Nachdem der Umtausch in Silber ausgesetzt war, galt ein Papierrubel 1796 noch 68 Prozent seines Nennwerts, 1808 nur noch 20 Prozent. Peter der Grosse soll sogar versucht haben, John Law nach Russland zu holen.
Fiatgeld ist Kriegsgeld
Die klarsten Beispiele kommen erst noch. Karaman und seine Mitautoren sehen ihn in ihren Daten bestätigt: Kriege und leere Kassen lösten den Wechsel zu ungedecktem Geld aus. Am deutlichsten in der Zeit der Französischen Revolution und Napoleons, als sieben der untersuchten Staaten den Umtausch in Edelmetall aussetzen mussten.
Zwischenfazit
Selbst mit Silbermünzen konnten Herrscher ihr Geld massiv verschlechtern, um an zusätzliche Einnahmen zu kommen, am extremsten im Dreissigjährigen Krieg. Mit den ersten Notenbanken kamen ungedecktes Papier- und Kreditgeld, und im Grossen Nordischen Krieg wurden die Einlagen der Sparer eingefroren.
Mit Bitcoin als Geld der Welt wäre das nicht möglich. Niemand kann umlaufende Bitcoin heimlich oder unter Zwang verwässern: Die Menge ist begrenzt, jeder kann das prüfen, und keine Regierung kann die Regel ändern (siehe Warum 21 Millionen?). Du brauchst auch keiner Bank zu vertrauen, sondern kannst dein Geld selbst verwahren und trotzdem weltweit digital bezahlen. Das schützt davor, dass Einlagen für den Krieg eingefroren werden oder Banken mehr Scheine ausgeben, als Geld vorhanden ist.
Wichtig ist auch: Schon das Wissen, dass sich das Geld nach einem Krieg entwerten lässt, um die Kriegsschulden wegzuinflationieren, macht Kriege leichter.
Ob Bitcoin Kriege tatsächlich verhindern könnte, ist vielschichtiger. Im nächsten Teil geht es um Staaten, die ihre Kriege direkt mit der Notenpresse bezahlten, von den amerikanischen Kolonien über das revolutionäre Frankreich bis zum Amerikanischen Bürgerkrieg: Teil 2: Ungedecktes Papiergeld.