Bitcoin · Essays zum Weiterdenken

Die Antifragilität von Bitcoin

Was Nassim Taleb unter antifragil versteht und warum Bitcoin an Angriffen und Krisen eher wächst als zerbricht.

Samy Nomikos · 7 Min. Lesezeit

Kurz gesagt

  • Der Begriff «Antifragilität» stammt von Nassim Nicholas Taleb: Antifragile Systeme werden unter Stress nicht schwächer, sondern stärker.
  • Zentral organisierte Systeme sind oft fragil, weil ein einzelner Ausfall alles gefährden kann.
  • Bitcoin hat keine zentrale Stelle, passt sich an Angriffe an und hat damit viele Merkmale eines antifragilen Systems.

Was heisst antifragil?

Der Essayist Nassim Nicholas Taleb untersucht, wie seltene, unvorhersehbare Ereignisse die Gesellschaft prägen. In seinem Buch «Antifragile» (englisch 2012, deutsch 2013 als «Antifragilität») vertritt er die These: Das Gegenteil von zerbrechlich ist nicht robust. Robustes übersteht einen Schlag bloss unverändert. Das echte Gegenteil nennt Taleb antifragil: etwas, das durch Stress besser wird.

Ein Paradebeispiel für ein fragiles System ist laut Taleb das Bankensystem. In der Finanzkrise 2008 genügte der Zusammenbruch einer einzigen Investmentbank, Lehman Brothers, um die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds zu bringen. Staaten mussten eingreifen. Auch die Schweiz kennt das: 2008 stützten Bund und Nationalbank die UBS, im März 2023 wurde die Credit Suisse unter Notrecht von der UBS übernommen, abgesichert durch Garantien des Bundes und Liquiditätshilfen der Nationalbank.

Für Taleb darf so etwas nicht vorkommen: Wird ein Teil so wichtig, dass das Ganze ohne ihn nicht überlebt – «too big to fail» –, schadet das allen. Seine Antwort lautet Dezentralisierung: Fällt in einem dezentralen System ein Teil aus, läuft der Rest weiter. Genau so ist Bitcoin gebaut.

Mauern mit Torhütern

Seit Jahrtausenden suchen Herrscher Schutz für ihr Reich. So entstanden Bauwerke wie der römische Limes oder die Chinesische Mauer, die Feinde draussen halten sollten. Beeindruckend sind sie, ihren Zweck erfüllten sie aber nicht dauerhaft.

1215 eroberten die Mongolen unter Dschingis Khan Zhongdu, die Hauptstadt der Jin-Dynastie im Norden Chinas, heute Peking. 1644 öffnete der Ming-General Wu Sangui den Mandschu den Pass von Shanhaiguan, ein Haupttor der Mauer – der Weg nach Peking war frei.

Das zeigt die grosse Schwäche solcher Bollwerke: Sie haben Torhüter. Wird ein einziger Wächter bestochen oder erpresst, ist das ganze Bauwerk nutzlos. Ist der Gegner erst im Landesinnern, ist der Kampf meist entschieden. Die Geschichte lehrt: Jedes System wird fragil, sobald zu viel von einer einzelnen Person abhängt.

Starr oder anpassungsfähig

Was unterscheidet ein antifragiles System von einem, das nur robust aussieht? Die Fähigkeit, sich anzupassen. Eine alte Militärweisheit sagt, Angriff sei die beste Verteidigung – gemeint ist: Wer verteidigt, muss jederzeit beweglich auf den Angreifer reagieren können.

Genau das konnte die Mauer nicht: Sie war starr und ortsgebunden. Ein antifragiles System lernt aus jedem Angriff. Das beste Beispiel ist unser Körper: Nach einer Infektion bildet das Immunsystem Abwehrstoffe und ist beim nächsten Mal besser gerüstet.

Warum Bitcoin antifragil ist

Kein Torhüter

Viele Bitcoiner halten Bitcoin für das antifragilste System überhaupt. Sicher ist: Bitcoin kommt ohne Zentralbank, Regierung oder Firma aus. In einem dezentralen Proof-of-Work-Netzwerk gibt es niemanden, den man bestechen könnte, um die Regeln zu ändern. Bitcoin ist das erste Geldsystem, das ohne Vertrauen in eine zentrale Stelle funktioniert.

Dazu passt eine Vermutung über den Erfinder: Satoshi Nakamoto zog sich 2010 und 2011 zurück und ist seither verschwunden – manche glauben, bewusst, um die Dezentralität zu schützen. Als zentrale Figur hätte man ihn unter Druck setzen und als Torhüter benutzen können. Beweisen lässt sich dieses Motiv nicht.

Alle haben einen Anreiz

Jeder Rückschlag trifft alle direkt: Geht eine grosse Handelsplattform pleite oder wird eine Wallet gehackt, sinken Vertrauen und Kurs. Deshalb wollen alle Bitcoiner ihr System davor schützen. Als die einst grösste Bitcoin-Börse Mt. Gox im Februar 2014 Konkurs anmeldete, war das ein heftiger Schock. Doch es entstanden neue, besser gesicherte Plattformen, und viele Nutzer lernten, ihre Bitcoin selbst zu verwahren (siehe Bitcoin selbst verwahren – Schritt für Schritt).

Der Investor Charlie Munger brachte es sinngemäss so auf den Punkt: Zeig mir die Anreize, und ich sage dir, was dabei herauskommt. Bei Bitcoin hat jeder Teilnehmer den Anreiz, dass das System weiterläuft.

Kritiker verweisen oft auf Quantencomputer, die eines Tages heutige Signaturverfahren brechen könnten. Dass Menschen, für die so viel auf dem Spiel steht, keine Lösung finden, ist aber unwahrscheinlich. Entwickler diskutieren bereits Vorschläge für quantensichere Verfahren. Wer darauf wettet, dass sie scheitern, wettet gegen die menschliche Erfindungsgabe. Bei der Chinesischen Mauer konnte niemand das «Protokoll» der Steine anpassen; sie war ein toter Gegenstand. Bitcoin dagegen lebt: Es kann über Soft Forks weiterentwickelt werden, wenn das Netzwerk zustimmt.

Tausende verteidigen diese Idee. Viele sehen darin den Grund, warum Bitcoin nach jedem Boom tief fiel, aber nie auf null: Die grossen Einbrüche lagen meist bei rund 75 bis 85 Prozent, ganz am Anfang 2011 sogar über 90 Prozent. Für eine treue Gemeinschaft ist Bitcoin mehr als ein Spekulationsobjekt, nämlich die Vision einer besseren Welt.

Gold und Bitcoin im Vergleich

Und Gold? Es hat die Schwäche aller starren Systeme: keine bewegliche Verteidigung. Die Geschichte des Geldes ist voller staatlicher Zugriffe darauf. 1933 verbot US-Präsident Franklin D. Roosevelt den privaten Besitz von Goldmünzen und Goldbarren weitgehend. Am 15.08.1971 hob Präsident Nixon die Einlösbarkeit des Dollars in Gold auf, womit Gold seine Rolle als Anker der Weltwährungsordnung verlor. Auch der Franken ist seit dem Jahr 2000 nicht mehr an Gold gebunden. Ähnliche Eingriffe, etwa die Verschlechterung von Münzen, gab es schon in der Antike und im Mittelalter.

Das Grundproblem: Gold braucht für Zahlungen über Distanz eine zentrale Abwicklung. Um es handlicher zu machen, gaben Banken goldgedecktes Papiergeld aus. Das ersparte den Transport, führte aber zu immer mehr Zentralisierung, bis die Deckung verschwand. Mehr dazu in Vom Gold- zum Bitcoin-Standard.

Bitcoin hingegen ist ein offenes Geldnetzwerk, das sich nach jedem Angriff weiterentwickelt. Entwickler auf der ganzen Welt verbessern die Software laufend. Auch die Hardware ändert sich: Anfangs genügte ein gewöhnlicher Prozessor (CPU) zum Mining, dann kamen Grafikkarten (GPU), und heute sind spezialisierte ASIC-Miner Standard. Gold ist seit Jahrtausenden dasselbe Metall, ohne ein einziges Update – Bitcoin ist programmierbares Geld.

Bitcoin und andere Kryptowährungen

Beim Vergleich mit anderen Kryptowährungen zählen drei Punkte.

Erstens: Bitcoin ist ein Geldnetzwerk, und dessen Sicherheit lässt sich an der Hashrate ablesen, also an der Rechenleistung, die das Netzwerk schützt. Hier kann kein anderes Projekt mithalten. Irreführend ist es, Bitcoins Bedeutung nur am Anteil an der Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen zu messen; vergleichen sollte man mit anderen Proof-of-Work-Währungen. Seit Ethereum im September 2022 auf Proof of Stake umgestellt hat, entfällt der weit überwiegende Teil des Marktwerts aller Proof-of-Work-Kryptowährungen auf Bitcoin. Ein Vergleich mit Proof-of-Stake-Projekten ergibt für diese Frage wenig Sinn.

Zweitens: Der passende Vergleich für Bitcoin ist Gold, denn Bitcoin löst dessen Schwächen. Auch Gold ist eine Art Geldnetzwerk, und die Energie, die beim Goldabbau aufgewendet wird, kann man als Vorläufer von Proof of Work sehen. Nur lässt sich bei Gold nicht überprüfen, wie sicher das Netzwerk ist. Andere Proof-of-Work-Kryptowährungen sind erst dann ein ernsthafter Vergleich, wenn sie an die Rechenleistung von Bitcoin heranreichen – davon sind sie weit entfernt. Gemessen an der Rechenleistung ist Bitcoin das mit Abstand stärkste dezentrale Computernetzwerk der Welt.

Drittens: Viele Kryptowährungen sind gar nicht dezentral. Oft steht eine Firma oder Stiftung dahinter – wieder ein Torhüter, dem du vertrauen musst. Die Geschichte ist voll von gebrochenem Vertrauen. Ganz ausschliessen lässt sich das nur, wenn es gar keine zentrale Stelle gibt.

Fazit

Bitcoin bringt die wichtigsten Eigenschaften eines antifragilen Systems mit. Es ist dezentral und verhindert durch das Fehlen von Torhütern, dass das System von innen korrumpiert wird. Viele arbeiten täglich daran und haben, wie Taleb sagen würde, «skin in the game»: Sie tragen selbst die Folgen ihres Handelns. Kleine Fehler können den Kurs stark bewegen, deshalb will jeder aus Fehlern lernen. So lernt Bitcoin aus seinen Rückschlägen.

Historisch ist das bemerkenswert: Bitcoin verbindet bewegliche Verteidigung mit einer angriffslustigen Gemeinschaft. Michael Saylor verglich die Verteidiger von Bitcoin mit «Cyber-Hornissen»: zahlreich, als Schwarm handelnd und unerbittlich bei einem Angriff. Fällt eine, kommen viele weitere. Skeptiker unterschätzen diese Leidenschaft. Das sind gute Voraussetzungen für ein System, das Jahrhunderte überdauern kann.

Taleb selbst hat das Konzept nicht für Bitcoin entwickelt. Er schrieb zwar 2018 ein Vorwort zu Saifedean Ammous' Buch «The Bitcoin Standard», äussert sich spätestens seit 2021 aber deutlich kritisch über Bitcoin. Die Anwendung seiner Idee auf Bitcoin stammt von Bitcoinern, nicht von ihm.

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