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Wie Bitcoin Kriege verhindern kann, Teil 2: Ungedecktes Papiergeld

Amerikanische Unabhängigkeit, Napoleon, Bürgerkrieg: warum ungedecktes Papiergeld fast immer Kriegsgeld war.

Samy Nomikos · 11 Min. Lesezeit

Dies ist der zweite Teil der Reihe «Wie Bitcoin Kriege verhindern kann». In Teil 1: Münzverschlechterungen ging es darum, wie europäische Herrscher ihre Münzen verwässerten, um Kriege zu bezahlen, und wie im Krieg die ersten Notenbanken und Papiergelder entstanden. Jetzt steht das ungedeckte Papiergeld im Mittelpunkt: Geld, das Staaten druckten, um Kriege zu führen. Weil damals die USA entstanden, lohnt sich zuerst ein Blick über den Atlantik.

Papiergeld in Neuengland

Schon lange vor der Unabhängigkeit gaben die amerikanischen Kolonien Papiergeld aus, um Kriege zu bezahlen. Den Anfang machte Massachusetts im Pfälzischen Erbfolgekrieg, in Amerika King William's War (1689–1697) genannt. Laut Owen Humpage von der Federal Reserve Bank of Cleveland gab die Kolonie 1690 Schuldscheine aus, um einen Angriff auf Quebec zu finanzieren. Diese «Bills of Credit» waren als kurzfristige Staatsanleihen gedacht, die man rasch mit Steuern tilgen wollte. Sie wurden aber, eher ungeplant, zu einem frühen Fiatgeld.

Im Spanischen Erbfolgekrieg, Queen Anne's War (1702–1713), griffen die Kolonien unter der Führung von Massachusetts erneut zur Notenpresse. Humpage zufolge wuchs die Papiergeldmenge in Massachusetts im folgenden Jahrzehnt um durchschnittlich 39 Prozent pro Jahr; in ganz Neuengland war 1713 mindestens 34-mal so viel Papiergeld im Umlauf wie 1703.

Auf die Spitze getrieben wurde das im Österreichischen Erbfolgekrieg, King George's War (1744–1748). Die Kolonien Neuenglands druckten erneut riesige Mengen, laut Humpage wuchs der Bestand um gut 24 Prozent pro Jahr. Die Inflation, schon vorher ein wachsendes Problem, explodierte. Man spricht rückblickend von der grossen Inflation Neuenglands.

Darauf reagierte 1751 das britische Parlament in London mit dem Currency Act: Die Kolonien Neuenglands durften Papiergeld nur noch begrenzt ausgeben, mit festen Fristen und gedeckt durch künftige Steuern. Im Siebenjährigen Krieg, in Nordamerika French and Indian War (1754–1763), gaben die Kolonien zwar wieder viel Papiergeld aus. Weil es aber mit Steuern und Hypotheken abgesichert war, blieb eine grosse Inflation aus. Laut dem Ökonomen Elmus Wicker taten das etwa Pennsylvania, New York und South Carolina.

Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg (1775–1783)

Im Unabhängigkeitskrieg kämpften die Kolonien gegen Grossbritannien, und aus ihnen gingen die Vereinigten Staaten hervor. Gold- und Silbermünzen waren knapp, Schätzungen nennen rund zehn Millionen Dollar im Umlauf. Weil die Aufständischen kaum Kredit bekamen, beschloss der Kontinentalkongress im ersten Kriegsjahr, zwei Millionen Dollar in Papiergeld auszugeben, die «Continentals». Das Metall dafür sollte in den folgenden Jahren über Steuern hereinkommen.

Die Scheine lauteten auf spanische Silberdollar und versprachen eine spätere Einlösung. Das anfangs grosse Vertrauen verführte den Kongress, weit mehr zu drucken als geplant. Der Ökonom Murray Rothbard schildert den Verlauf: 1775 waren es schon sechs Millionen Dollar, 1779 allein 140 Millionen. Mit den steigenden Preisen brauchte die Regierung immer mehr Dollar für ihre Ausgaben und druckte noch mehr – die klassische Inflationsspirale. Anfangs war ein Continental so viel wert wie ein Silberdollar, 1780 brauchte man über hundert davon für einen.

Mit der Unabhängigkeitserklärung von 1776 galten die britischen Beschränkungen für Papiergeld nicht mehr. Der Wertverlust war so gründlich, dass im Englischen die Redewendung «not worth a Continental» entstand, etwa: keinen Pfifferling wert.

Die Schuld an der Teuerung schoben die Behörden anderen zu: gierigen Kaufleuten, die nur auf Gewinn aus seien, und allen, die das Papiergeld ablehnten. Sie wurden öffentlich zu Feinden des Landes erklärt. Es folgten Preiskontrollen und Eingriffe in die Wirtschaft, mit verheerenden Folgen.

1780 kündigte der Kongress an, Continentals im Verhältnis 40 zu 1 gegen Silberdollar für Steuerzahlungen anzunehmen. In der Praxis sah es oft schlimmer aus. Laut dem Ökonomen Clifford Thies nahmen Georgia und Virginia ihr Papiergeld im schlimmsten Fall zu 1'000 zu 1 für Steuern an, New York zu 128 zu 1 und Pennsylvania zu 175 zu 1.

Die Ära Napoleons

Wie in Teil 1 erwähnt, ist die Zeit der Französischen Revolution und Napoleons das deutlichste Beispiel dafür, wie Kriege Staaten in Europa zu ungedecktem Geld trieben – zumindest bis zum Ersten Weltkrieg. Frankreich finanzierte die Revolution, ihre Kriege gegen halb Europa und den Bürgerkrieg in der Vendée mit ungehemmt gedrucktem Papiergeld. Die Napoleonischen Kriege zwangen danach auch andere Länder an die Notenpresse.

Französische Revolution (1789–1799)

Schon vor der Revolution gab der französische Staat Jahr für Jahr mehr aus, als er einnahm. Schuld waren vor allem der Siebenjährige Krieg (1756–1763) und die teure Unterstützung der amerikanischen Revolution, dazu Versailles und der verschwenderische Hof. Die Steuerlast trug vor allem der Dritte Stand, während Adel und Klerus weitgehend befreit waren. Binnenzölle und dichte Vorschriften lähmten den Handel zusätzlich. Not und offensichtliche Ungerechtigkeit führten 1789 zur Revolution.

Die Revolutionäre verstaatlichten die Güter der Kirche und gaben darauf Papiergeld aus, die Assignaten. Zuerst dienten sie den Gläubigern des Staates als Anspruch auf das enteignete Land, bald wurden sie zum allgemeinen Zahlungsmittel. Die Menge wuchs immer weiter, der Handel mit Münzgeld wurde verboten, und Höchstpreise sollten die Teuerung bremsen – vergeblich. Der Ökonom Richard Ebeling zeichnet den Absturz nach: Im März 1790 beschloss die Nationalversammlung die Assignaten, im April kamen 400 Millionen in Umlauf, im Sommer weitere 800 Millionen. Ende 1791 waren es 1,5 Milliarden, und die Kaufkraft war um 14 Prozent gesunken. Im August 1793 zirkulierten fast 4,1 Milliarden bei 60 Prozent Wertverlust, im November 1795 rund 19,7 Milliarden – nun hatten die Scheine 99 Prozent ihrer Kaufkraft verloren. In weniger als fünf Jahren war das Geld weniger wert als das Papier, auf dem es stand.

1796 folgte ein zweiter Versuch mit einem neuen Papiergeld, den Mandats territoriaux. Auch sie scheiterten nach wenigen Monaten an der Inflation. Zur selben Zeit begann Napoleon seinen Italienfeldzug (1796–1797). 1797 strich der Staat zudem zwei Drittel seiner Schulden. Die Schuldenlast blieb dennoch zu hoch, und Frankreichs Glaubwürdigkeit war verspielt.

Auch die Schweiz bekam diese Geldnot zu spüren. 1798 marschierten französische Truppen ein, aus der alten Eidgenossenschaft wurde die Helvetische Republik (1798–1803) unter französischem Einfluss. Die Franzosen beschlagnahmten den Berner Staatsschatz und brachten ihn nach Paris. Nach verbreiteter Darstellung half er, Napoleons Ägyptenfeldzug zu bezahlen.

Frankreich unter Napoleon

Unter Napoleon zog Frankreich gegen zahlreiche Staaten in den Krieg, auch um ihnen die neue Ordnung aufzuzwingen. Weil niemand Frankreich mehr Kredit gab, musste es die Kriege vor allem mit Steuern bezahlen und kehrte zu einer Gold- und Silberwährung zurück. 1800 gründete Napoleon die Banque de France. Ihre Noten waren meist in Metall einlösbar, erleichterten aber mit Krediten die Kriegsfinanzierung. Laut Michael Bordo und Eugene White glätteten diese Kredite vor allem den Fluss der Steuereinnahmen und machten nur einen kleinen Teil der Kriegskosten aus. Einmal überspannte die Regierung jedoch den Bogen: 1805 musste die Bank die Einlösung teilweise aussetzen.

Napoleon gab sich nach dem Debakel der Revolution öffentlich als Gegner von Schulden und bezahlte Soldaten sogar in Münzen. Bordo und White beschreiben ihn als Mann des harten Geldes, der jede neue Verschuldung ablehnte. Der Preis dafür: Die Franzosen zahlten deutlich höhere Steuern als vor der Revolution.

England

Ab 1793 stand Grossbritannien im Krieg mit Frankreich. Weil es als kreditwürdig galt, konnte es die Kosten anfangs grösstenteils mit Anleihen decken, und die Staatsschuld wuchs rasch. 1797 löste die Angst vor einer französischen Invasion einen Ansturm auf die Bank of England aus. Die Regierung erlaubte ihr, keine Noten mehr in Gold einzulösen. Die Druckerei lief auf Hochtouren: Laut O'Brien und Palma hatte die Bank vorher fünf Druckerpressen, im März 1797 bereits 16, die Tag und Nacht liefen, und 14 weitere waren bestellt.

Es folgten Inflation und ein Kursverlust gegenüber anderen Währungen, aber keine Hyperinflation. 1821, nach dem Sieg über Napoleon, waren die Noten wieder in Gold einlösbar. Das gelang, weil die Bank weiter Gold sammelte und die Menschen das Vertrauen nie ganz verloren. Zudem erschloss der Staat neue Steuerquellen: 1799 führte Premierminister William Pitt die Einkommenssteuer ein.

Preussen

Nach den Erfahrungen mit den Assignaten misstraute man in Deutschland dem Papiergeld besonders. Als der Krieg näher rückte, gab Preussen dennoch nach. Ab 1806 gab der Staat, wie die Deutsche Bundesbank schreibt, aus Kriegsnot erstmals staatliches Papiergeld aus, die Tresorscheine. Sie waren vorerst in Silbermünzen einlösbar, und man musste sie annehmen. Zuvor hatten die Kriege seit der Revolution bereits Notgeld hervorgebracht, etwa Belagerungsscheine in Mainz, Kolberg und Erfurt.

Nach Niederlagen und der französischen Besetzung grosser Landesteile wurde die Einlösung ausgesetzt, der Wert der Scheine schwankte mit dem Kriegsglück. Preussen gab zwar weitere Scheine aus, weitete die Menge aber nicht hemmungslos aus. Nach den Befreiungskriegen wurden die Scheine wieder eingelöst und nach und nach eingezogen.

Österreich

Österreich führte gegen Ende des Siebenjährigen Krieges (1756–1763) Papiergeld ein, die Bankozettel. Laut dem Österreichischen Staatsarchiv lag der Grund in den gewaltigen Kriegskosten gegen Preussen: Neue Kredite bei Banken und Ständen waren kaum noch zu bekommen, die meisten Einnahmen verpfändet, die Zinsen drückend. Geld zu drucken schien da eine Quelle fast ohne Kosten.

Weitere Ausgaben folgten. Weil alte Scheine eingezogen wurden, blieb die Ausweitung zunächst begrenzt. Im Türkenkrieg an der Seite Russlands (1787–1791) gab der Staat wegen wachsender Defizite heimlich Bankozettel aus und verschlechterte zugleich die Silbermünzen. In den Napoleonischen Kriegen geriet alles ausser Kontrolle: Laut Staatsarchiv stieg der Umlauf bis 1810 auf über eine Milliarde Gulden, die Scheine verloren über 80 Prozent ihres Nennwerts gegenüber Münzen.

Die Preise schossen in die Höhe; wer in Häuser oder Schmuck flüchtete, profitierte. 1811 erklärte Österreich den Staatsbankrott. Bankozettel wurden im Verhältnis 5 zu 1 in neue Einlösungsscheine getauscht, die trotz aller Versprechen bald ebenfalls stark an Wert verloren. Erst Jahre später war Papiergeld wieder wie versprochen in Silber einlösbar.

Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865)

Vor dem Bürgerkrieg gaben in den USA private Banken Papiergeld aus, das in Gold oder Silber einlösbar war. Gab eine Bank zu viel aus und wollten zu viele gleichzeitig einlösen, ging sie ohne staatliche Rettung pleite, und ihr Geld war wertlos. Staatliches Papiergeld war seit dem Debakel der Continentals höchst unbeliebt.

1860 wurde Abraham Lincoln zum Präsidenten gewählt. Er lehnte die Ausweitung der Sklaverei ab, und mehrere Südstaaten traten aus der Union aus. 1861 gründeten sie die Konföderierten Staaten von Amerika mit Jefferson Davis als Präsidenten. Lincoln erkannte die Abspaltung nicht an, und es kam zum Krieg.

Der Norden (die Union) war finanziell viel stärker als der Süden (die Konföderation), unterschätzte die Kosten aber gewaltig. Zuerst sollten Steuern und Kredite reichen, doch schon 1861 gab die Regierung ein Vielfaches dessen aus, was sie vor dem Krieg ausgegeben hatte.

Die Union

Im Juli 1861 gab die Regierung zum ersten Mal seit dem Unabhängigkeitskrieg Papiergeld aus: «Demand Notes» für 50 Millionen Dollar, auf Verlangen in Münzen einlösbar. Schon im Dezember wurde die Einlösung ausgesetzt, die Scheine verloren an Wert und wurden 1862 zum gesetzlichen Zahlungsmittel. Weil das nicht reichte, beschloss der Kongress am 25. Februar 1862 den Legal Tender Act und erlaubte 150 Millionen Dollar in «United States Notes» – Papiergeld ohne jede Deckung, das alle annehmen mussten.

Lincoln soll im Kabinett gescherzt haben, statt «In God We Trust» solle auf den Scheinen ein Bibelvers stehen: «Silber und Gold habe ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir.» Weil die Rückseite grün bedruckt war, nannte man das Geld «Greenbacks».

Laut der Historikerin Jennifer Wang konnte das Finanzministerium die Greenbacks fast ohne Kosten drucken und damit Soldaten und Nachschub bezahlen, ohne dass jemand Gold verlangen konnte. 1864 zirkulierten im Norden United States Notes für 415 Millionen Dollar, mehr als doppelt so viel wie alle Banknoten bei Kriegsbeginn. Der Kongress bewilligte insgesamt bis zu 450 Millionen.

Die Konföderation

Auch der Süden druckte. Ab 1861 gab die Konföderation eigene Noten aus, zur Unterscheidung «Greybacks» genannt. Darauf stand sinngemäss das Versprechen, sie sechs Monate nach einem Friedensvertrag mit den Vereinigten Staaten einzulösen.

Ihr Wertverlust erinnerte an die Continentals und war viel stärker als bei den Greenbacks. Der Krieg verlief für den Süden schlecht, die Konföderation machte ihre Scheine nie zum gesetzlichen Zahlungsmittel, und sie druckte weit mehr. Laut Wang gab sie mehr als doppelt so viel Papiergeld aus wie die Union; bis Kriegsende stiegen die Preise im Norden um rund 80 Prozent, im Süden um rund 9'000 Prozent. Manche Südstaatler zogen sogar die Währung des Feindes vor, und kaum jemand tauschte noch Gold gegen Greybacks. Appelle der Regierung, die Preise tief zu halten, halfen nichts.

Ein neues Währungssystem

Auch die Greenbacks fielen tief: Im Sommer 1864 kosteten 100 Gold-Dollar weit über 200 Greenback-Dollar, ein Verlust von über 60 Prozent. Erst 1879 waren sie wieder 1 zu 1 in Gold einlösbar, 17 Jahre nach Beginn der Ausgabe. Die Greybacks der Verlierer wurden völlig wertlos.

Die USA nutzten den Krieg, um ihr Geldwesen zu zentralisieren. Eine Zentralbank kam zwar erst 1913, doch am 25. Februar 1863 unterzeichnete Lincoln den National Currency Act. Er schuf die Bankenaufsicht OCC und ein System staatlich zugelassener Banken mit einer einheitlichen Währung. 1864 wurde daraus der National Bank Act, der bis heute die Grundlage des US-Bankensystems bildet. Ein entscheidender Schritt weg vom freien Bankwesen.

Zwischenfazit

Staatliches Papiergeld und Kriegsfinanzierung hängen eng zusammen, selbst in Bürgerkriegen. Ob das Papier nach dem Krieg wertlos wurde oder wieder in Gold oder Silber einlösbar war, hing davon ab, wie stark die Geldmenge gewachsen war, und vom Ausgang des Krieges.

Alle diese Beispiele stützen das erste Argument dieser Reihe: Hartes Geld – oder auch nur seine Konkurrenz, die sich nicht unterdrücken lässt – erschwert es beiden Seiten, Geld für einen Krieg zu beschaffen. Bitcoin ist dabei grundlegend anders als Gold. Es lässt sich viel schwerer verbieten und eignet sich direkt für Zahlungen, ohne Banken als Verwahrer. Warum Gold als Geld im 20. Jahrhundert scheiterte, zeigt der Beitrag Vom Gold- zum Bitcoin-Standard.

Um das Argument abzuschliessen, geht es im nächsten Teil um den Ersten und den Zweiten Weltkrieg – und auch darum, wie es der neutralen Schweiz und ihrem Franken dabei erging. Es wird nicht das einzige Argument bleiben: Teil 3: Die Weltkriege.

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