Kaum eine Frage wird so hitzig und emotional diskutiert wie jene, welche Wirtschaftstheorie am meisten Wohlstand schafft. Zwei Denkschulen stehen sich dabei besonders unversöhnlich gegenüber: die Modern Monetary Theory (MMT) und die Österreichische Schule der Ökonomie. Die Österreicher wollen Geld und Staat trennen – genau dafür steht auch Bitcoin. Die MMT dagegen baut darauf, dass sich der Staat über sein Geldmonopol selbst finanziert und so im Prinzip unbegrenzt in die Wirtschaft eingreifen kann. Beide gehören nicht zum Mainstream der Volkswirtschaftslehre. Und beide haben eine klare Meinung zu Bitcoin.
Für viele Bitcoiner ist die Vision der MMT eine Dystopie: eine ständige Entwertung des Geldes und ein übermächtiger, ineffizienter Staat. Für Anhänger der MMT ist Bitcoin dagegen ein Hindernis, denn ein Geld, das der Staat nicht kontrollieren kann, würde ihre politischen Ziele vereiteln. Dieser Beitrag stellt beide Sichtweisen vor und zeigt, wo die Schweiz im Vergleich steht.
Was ist Modern Monetary Theory?
Die Kernaussage der MMT: Ein Staat, der eine eigene Währung herausgibt, braucht keine Steuern, um sich zu finanzieren. Er kann in Zusammenarbeit mit seiner Notenbank einfach neues Geld schaffen, um seine Ausgaben zu bezahlen. Damit kann er die Wirtschaft steuern und etwa Vollbeschäftigung herstellen, indem er Arbeitslose direkt anstellt.
Die Idee geht auf den sogenannten Chartalismus zurück: Geld wird vom Staat geschaffen und muss zuerst von ihm in Umlauf gebracht werden, bevor er es als Steuer wieder einziehen kann. Daraus folgert die MMT, dass staatliches Geld nie wirklich knapp ist. Steuern dienen nach dieser Sicht nicht in erster Linie dazu, Staatsausgaben zu bezahlen, sondern sorgen dafür, dass die Währung gefragt ist: Weil alle ihre Steuern in dieser Währung bezahlen müssen, brauchen alle dieses Geld. Der bekannteste Vertreter, der amerikanische Investor Warren Mosler, spitzte das in einer Debatte zu: Was Geld von Abfall unterscheide, sei der Steuereintreiber – könne der Staat keine Steuern mehr durchsetzen, falle der Wert des Dollars auf null. Einem breiten Publikum bekannt wurde die MMT durch das Buch «The Deficit Myth» der Ökonomin Stephanie Kelton aus dem Jahr 2020.
Ist die Währung einmal im Gebrauch, kann der Staat mit neu geschaffenem Geld handeln: investieren, Menschen anstellen, Sozialleistungen auszahlen und alles kaufen, was in seiner Währung angeboten wird.
Weitere Kernpunkte der MMT:
- Steuern als Steuerungsinstrument: Mit Steuern kann der Staat die Nachfrage nach bestimmten Gütern lenken. Und wenn die Wirtschaft überhitzt, sollen höhere Steuern die Nachfrage dämpfen und so verhindern, dass die Preise steigen.
- Nicht alle Staaten sind gleich: Ein Land mit einer weltweit gefragten Währung wie die USA hat mehr Spielraum, weil auf der ganzen Welt Waren gegen Dollar verkauft werden. Länder ohne eigene Währung oder ohne funktionierendes Steuerwesen stossen schneller an Grenzen.
- Keine Pleite in eigener Währung: Für den Staat gelten andere Regeln als für Haushalte. Ein Haushalt kann kein Geld herstellen und kann pleitegehen. Ein Staat, der sich in eigener Währung verschuldet, kann das nicht, weil er das Geld selbst schaffen kann. Gefährlich sind nur Schulden in fremder Währung. Von Schuldenobergrenzen hält die MMT entsprechend nichts.
- Defizite sind kein Problem: Die Sorge um hohe Staatsdefizite sei ein Überbleibsel aus der Zeit des Goldstandards – so wie die Goldreserven, welche die Notenbanken noch immer halten. Gibt der Staat mehr aus, als er einnimmt, lande die Differenz als zusätzliches Einkommen bei den Bürgern. Staatsschulden seien deshalb das Spiegelbild der privaten Ersparnisse; tiefe Schulden oder gar Überschüsse könnten der Wirtschaft sogar schaden.
- Die echte Grenze: Begrenzt sind die Staatsausgaben nur durch die vorhandenen Ressourcen, vor allem die Arbeitskräfte. Erst wenn alles ausgelastet ist, treibe zusätzliches Geld die Preise, weil dann alle um dieselben knappen Mittel bieten. Solange es Arbeitslose gibt, könne neues Geld sie ohne Inflation in Arbeit bringen. Arbeitslosigkeit sei die Folge zu tiefer Staatsausgaben.
Was MMT-Vertreter fordern
Aus der Theorie leiten MMT-Vertreter konkrete Vorschläge ab:
- Keine Zinsen auf Staatsschulden: Zinsen seien auch nur Staatsausgaben, die bei den Geldgebern landen. Der Staat solle sich das Geld lieber zinslos bei seiner Notenbank beschaffen. Politisch kritisieren MMT-Vertreter, dass risikolose Zinsen auf Staatsanleihen vor allem Vermögende ohne Gegenleistung reicher machen.
- Notenbank unter die Regierung: Heute sind die Notenbanken auf dem Papier unabhängig. MMT-Vertreter sehen das nüchtern: Regierungen könnten Druck ausüben, damit die Notenbank mitzieht. Der deutsche MMT-Ökonom Dirk Ehnts sagte in einem Interview sinngemäss, ihm sei kein Fall bekannt, in dem eine Notenbank einer Regierung Ausgaben verweigert habe; und ein Notenbankchef, der nicht mitspiele, müsse sich über Druck von Steuerfahndung und Behörden nicht wundern. Konsequent zu Ende gedacht, soll die Notenbank dem Finanzministerium unterstellt werden. Dann wäre der Staat nicht mehr auf Kredite am Markt angewiesen, sondern könnte sich das Geld für seine Ausgaben einfach selbst schaffen.
- Jobgarantie: Arbeitslose sollen vom Staat in Übergangsjobs beschäftigt und mit neu geschaffenem Geld bezahlt werden. So entstehe zugleich ein Nutzen für die Gesellschaft.
In der Schweiz ist genau das bewusst ausgeschlossen. Die Unabhängigkeit der Schweizerischen Nationalbank (SNB) steht in der Bundesverfassung, und das Nationalbankgesetz verbietet ihr ausdrücklich, dem Bund Kredite zu gewähren. Über ihren Gewinn fliesst trotzdem Geld an Bund und Kantone – nach einer festen Vereinbarung und nur, wenn die SNB genug verdient. In Jahren mit grossen Verlusten, wie 2022, gab es keine Ausschüttung. Dennoch fordern Politikerinnen und Politiker immer wieder, die Nationalbank solle mehr Geld abgeben, etwa für die AHV. Die Versuchung, an das Geld der Notenbank zu kommen, kennt also auch die Schweiz.
MMT im Zusammenhang
Die MMT versteht sich selbst als wertfreie Beschreibung, wie das Geldsystem funktioniert und was mit einem Geldmonopol alles möglich ist, nicht als politische Empfehlung. Ihre Vertreter sind aber meist politisch links, und ihre Vorschläge laufen fast ausnahmslos auf einen grösseren Staat hinaus.
Man kann argumentieren, dass das heutige System der MMT bereits ähnelt: Unsere Währungen sind ungedeckt und können von Staat und Notenbank beliebig vermehrt werden, und die Staaten greifen immer stärker in die Wirtschaft ein. Notenbanker wissen das auch, sagen es aber selten so offen wie der frühere Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan. Er erklärte 2005 vor einem Ausschuss des US-Kongresses, nichts hindere die Regierung daran, so viel Geld zu schaffen, wie sie wolle, und es an irgendwen auszuzahlen.
Die gängige Volkswirtschaftslehre widerspricht der MMT vor allem bei den Defiziten. Dass ein Staat dauerhaft mehr ausgibt, als er einnimmt, gilt dort nicht als harmlos. In der Schweiz verlangt die Schuldenbremse, die das Volk 2001 mit 85 Prozent Ja angenommen hat, dass der Bund über einen Konjunkturzyklus hinweg nicht mehr ausgibt, als er einnimmt. Die Schweiz hat damit ihre Bundesschulden über Jahre gesenkt – das genaue Gegenteil dessen, was die MMT empfiehlt.
Ein weiteres Argument der Kritiker: Ein Staat, der unbegrenzt Geld hat, verliert jeden Anreiz, sparsam und effizient zu wirtschaften. Und er verdrängt mit seinen Ausgaben die Privatwirtschaft, die den Wohlstand eigentlich schafft – Ökonomen sprechen vom Crowding-out-Effekt.
MMT gegen die Österreichische Schule
Die Österreichische Schule – benannt nach ihren Begründern aus Wien wie Carl Menger, Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek – setzt auf einen freien Markt für Geld. Damit stellt sie sich gegen das staatliche Geldmonopol, auf dem die MMT aufbaut. Ob ein Geldmonopol den Wohlstand mehrt oder mindert, ist deshalb der eigentliche Kern des Streits.
Geldmonopol oder freier Geldmarkt?
Die Österreicher argumentieren: Wie auf anderen Märkten würde sich auch beim Geld das beste Angebot durchsetzen. Das wäre vermutlich ein knappes, freies Geld wie Gold oder Bitcoin, weil die Menschen wollen, dass ihr Geld seinen Wert behält. Historisch einigten sich Menschen immer wieder ohne Zwang auf ein Gut als Geld. Staatlicher Zwang ist also keine Voraussetzung dafür, dass sich ein allgemeines Tauschmittel durchsetzt.
Dass heute kein freier Wettbewerb herrscht, liegt nach Ansicht der Österreicher am Staat: Er schreibt ein gesetzliches Zahlungsmittel vor, besteuert Gewinne auf alternativen Geldern und verbietet oder erschwert konkurrierende Währungen. Mehr dazu in Bitcoin ist das beste Geld, aber es gibt keinen freien Wettbewerb.
Die MMT befürwortet das Geldmonopol, weil der Staat damit unbegrenzt Mittel für seine Aufgaben hat. Die Österreicher halten dagegen, dass Märkte Ressourcen weit besser verteilen als zentrale Planer. Innerhalb der Österreichischen Schule gibt es unterschiedliche Vorstellungen vom Staat: Manche wollen gar keinen, andere einen schlanken Staat, der vor allem das Eigentum schützt. Einig sind sie sich darin, dass ein Staat, der für seine Finanzierung nicht mehr auf die Steuern seiner Bürger angewiesen ist, gefährlich wird.
Der Ökonom Thorsten Polleit erinnert an den Grundsatz der amerikanischen Revolution «Keine Besteuerung ohne Vertretung»: Wer regiert, soll nicht ohne Zustimmung der Regierten an deren Geld und Eigentum kommen. Eine Theorie, die das aushebelt, nennt er Ausdruck einer tyrannischen Gesinnung. Seine Befürchtungen:
- Wer vom Staat angestellt oder unterstützt wird, wird finanziell abhängig und damit loyal.
- Wo das Geld zentral entsteht, lohnt es sich mehr, nahe an der Quelle zu sein, als Probleme zu lösen und dafür freiwillig bezahlt zu werden.
- Wer das Geld kontrolliert, kann sich Wählerstimmen kaufen.
- Politiker denken an die nächste Wahl, nicht an die nächste Generation. Mit freiem Zugang zur Notenpresse werden sie immer mehr Geld schaffen und verteilen. Am Ende droht hohe Inflation, wenn nicht Hyperinflation.
Die Schweiz ist hier ein interessanter Gegenentwurf: Mit der direkten Demokratie können die Stimmberechtigten über Steuern, Ausgaben und sogar die Schuldenbremse selbst entscheiden. Der Grundsatz, dass der Staat nicht ohne Zustimmung an das Geld der Bürger kommen soll, ist hier besonders tief verankert.
Geldmenge und Inflation
Ein zentraler Streitpunkt ist die Frage, ob die Geldmenge die Preise bestimmt. Der deutsche MMT-Vertreter Maurice Höfgen behauptete 2021, die Inflation habe «nichts» mit der Geldmenge zu tun. Für die Österreicher und die Monetaristen ist das Gegenteil wahr. Milton Friedman prägte den berühmten Satz, Inflation sei immer und überall ein monetäres Phänomen.
Unter Ökonomen gilt heute weitgehend: Langfristig schlägt sich eine wachsende Geldmenge in den Preisen nieder. Der Ökonom Luca Benati, Professor an der Universität Bern, untersuchte in einer Arbeit für die Europäische Zentralbank die Daten aus zwei Jahrhunderten und vielen Ländern. Er fand einen engen, stabilen langfristigen Zusammenhang: Ein grosser Teil der langfristigen Inflationsschwankungen lässt sich durch das Geldmengenwachstum erklären. Kurzfristig beeinflussen aber auch andere Faktoren die Preise, etwa technischer Fortschritt, der vieles billiger macht, oder die Kauflaune der Konsumenten.
Die SNB richtete ihre Geldpolitik von 1975 bis 1999 sogar direkt an Geldmengenzielen aus. Seither steuert sie wie die meisten Notenbanken vor allem über den Zins und eine Inflationsprognose; die Geldmenge beobachtet sie weiterhin. Viele andere Notenbanken schenkten der Geldmenge in den Jahren tiefer, stabiler Inflation dagegen kaum noch Beachtung.
Die Pandemie zeigte, wie gefährlich das war: Zuerst stieg die Geldmenge stark, etwas später die Preise. Notenbanker wie US-Notenbankchef Jerome Powell und zahlreiche Ökonomen bezeichneten die Inflation zunächst als vorübergehend – und lagen falsch. Wer wegen der stark wachsenden Geldmenge mit höherer Inflation gerechnet hatte, behielt recht. Ende 2023 räumte Isabel Schnabel aus dem Direktorium der EZB in einem Vortrag ein, die Geldmenge zu vernachlässigen sei ein Fehler gewesen; sie verdiene weiterhin einen festen Platz in der Analyse. Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel kam zum Schluss, dass sich die Fehlprognosen deutlich verkleinert hätten, wenn man das Geldmengenwachstum über das Wirtschaftswachstum hinaus berücksichtigt hätte. Friedmans berühmteste These sei womöglich vorschnell für überholt erklärt worden.
MMT-Vertreter machten dagegen den Energiepreisschock nach Russlands Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 für die Inflation verantwortlich – oder die gestörten Lieferketten. Doch in vielen Ländern lag die Inflation schon vor dem Krieg deutlich über dem Ziel. Das Muster ist historisch bekannt: Regierungen machen gerne Spekulanten, gierige Unternehmen oder äussere Feinde für eine Inflation verantwortlich, die ihr eigenes Gelddrucken verursacht hat.
Zudem gilt: Sinkt die Inflationsrate wieder, sinken die Preise nicht. Sie steigen nur langsamer. Wären vor allem äussere Schocks schuld, müssten die Preise danach wieder auf das alte Niveau fallen. Das tun sie nicht. Was einmal teurer geworden ist, bleibt teurer.
Die Österreicher gehen noch weiter: Durchschnittswerte wie der Konsumentenpreisindex oder das Bruttoinlandprodukt verschleierten, was wirklich passiert. Neues Geld treibt die Preise im Vergleich zu dem, was ohne dieses Geld gewesen wäre. Ein Beispiel: Wächst die Geldmenge leicht, während der technische Fortschritt die Waren eigentlich billiger machen würde, bleiben die gemessenen Preise vielleicht stabil. Daraus zu schliessen, die Geldmenge habe keinen Einfluss, wäre falsch – ohne das neue Geld wären die Preise gesunken.
Kritiker werfen Regierungen zudem vor, die Inflation tendenziell kleinzurechnen, etwa indem die Berechnungsmethoden über die Jahre geändert werden. Eine tiefere Inflationsrate lässt das reale Wachstum grösser und das Staatsgeld wertbeständiger erscheinen. Der amerikanische Dienst ShadowStats rechnet die US-Inflation nach den Methoden von 1980 nach und kommt auf ein Mehrfaches der offiziellen Werte; seine Zahlen sind unter Ökonomen allerdings umstritten.
Wer steuert die Geldmenge?
Die MMT argumentiert, nicht die Notenbanken, sondern die Geschäftsbanken bestimmten die Geldmenge, weil sie mit jedem Kredit neues Geld schaffen. Höfgen schrieb, die EZB wolle und könne die Geldmenge gar nicht steuern. Die EZB selbst sieht das anders: Auf ihrer Website erklärt sie, dass sie für die Steuerung der Geldmenge im Euroraum zuständig ist, mit dem Ziel stabiler Preise und dem Leitzins als wichtigstem Werkzeug.
Tatsächlich hängt beides zusammen. Geschäftsbanken schaffen Geld, wenn sie Kredite vergeben – das Guthaben auf deinem Konto ist zum grössten Teil solches Buchgeld. Wie viele Kredite vergeben werden, steuert die Notenbank aber über den Zins. Billige Kredite lassen die Geldmenge wachsen, teure lassen sie schrumpfen. Genau das war zu beobachten: Bei tiefen Zinsen explodierte die Geldmenge, als die Zinsen stiegen, sank sie. Werden Kredite zurückbezahlt, verschwindet das Geld wieder; übersteigen die Rückzahlungen die neuen Kredite, schrumpft die Geldmenge.
Wie wenig selbstverständlich das ist, zeigte in der Schweiz die Vollgeld-Initiative. Sie wollte den Geschäftsbanken verbieten, selbst Buchgeld zu schaffen, und dieses Recht allein der SNB geben. Das Volk lehnte sie am 10.06.2018 mit rund 76 Prozent Nein ab. Die Debatte darüber machte aber vielen erst bewusst, dass ihr Kontoguthaben gar kein Bargeld der Nationalbank ist, sondern eine Forderung gegenüber ihrer Bank.
Daneben schafft die Notenbank selbst Geld, sogenanntes Zentralbankgeld, indem sie Wertpapiere oder Devisen kauft oder Banken Kredite gibt. Konten bei der Notenbank haben nur Banken; Privatpersonen kennen Zentralbankgeld nur als Bargeld. Dieses Geld wirkt auf mehreren Wegen auf die Preise:
- Kauft die Notenbank in grossem Stil Anleihen, drückt sie die langfristigen Zinsen. Man nennt das quantitative Lockerung.
- Kauft sie Staatsanleihen – wenn auch nur von anderen Anlegern und nicht direkt vom Staat –, finanziert sie indirekt die Staatsausgaben mit neuem Geld. Die US-Notenbank ermöglichte so in der Pandemie die Schecks, die der Staat an alle Haushalte verschickte. Das Geld trieb Aktien, Immobilien und schliesslich die Konsumentenpreise.
- Die SNB schuf zwischen 2011 und 2015 Hunderte Milliarden Franken, um mit Devisenkäufen den Mindestkurs von 1.20 Franken pro Euro zu verteidigen. Auch danach kaufte sie weiter Devisen; ihre Bilanz wuchs bis 2021 auf über 1'000 Milliarden Franken – mehr als die Wirtschaftsleistung der Schweiz eines ganzen Jahres.
- Notenbanken retten Banken. In der Finanzkrise 2008 übernahm die SNB unverkäufliche Wertpapiere der UBS in einen eigenen Fonds; 2023 stellte sie bei der Übernahme der Credit Suisse Liquiditätshilfen in dreistelliger Milliardenhöhe bereit. Geht eine Bank pleite, verschwindet das Buchgeld, das sie geschaffen hat. Solche Rettungen verhindern das und wirken damit gegen sinkende Preise.
Geldpolitik
Für die Österreicher sind natürliche Zinsen immer positiv, weil Menschen etwas lieber heute als morgen haben – Ökonomen sprechen von Zeitpräferenz. Künstlich tiefe Zinsen führen zu Fehlinvestitionen und zu Boom-und-Bust-Zyklen, wie in Der Schuldenzyklus und Bitcoin beschrieben. Die SNB hielt ihren Leitzins von 2015 bis 2022 sogar unter null. In dieser Zeit stiegen die Preise für Wohneigentum in der Schweiz kräftig.
Die MMT sieht das anders: Die Privatwirtschaft verstärke Auf- und Abschwünge, der Staat müsse gegensteuern. Dass lockere Geldpolitik zu Preisblasen bei Vermögenswerten führt, die später platzen, ist allerdings unter Ökonomen weitgehend anerkannt. Eine Untersuchung der EZB kam zum Schluss, dass die Geldpolitik in Boomphasen lockerer ist als in normalen Zeiten.
Die MMT will die Leitzinsen trotzdem dauerhaft bei null halten. Weil steigende Vermögenspreise vor allem den Reichen nützen, soll das über Vermögens- und Erbschaftssteuern ausgeglichen werden – entsprechende Forderungen finden sich bei MMT-Ökonomen häufig.
In einem Punkt sind sich beide Schulen einig: Notenbanken können stabile Preise nicht zuverlässig garantieren. Die Österreicher wollen deshalb gar keine Notenbank. Die MMT will, dass der Staat das Inflationsziel von 2 Prozent über seine Ausgaben erreicht, weil er neues Geld viel direkter in die Wirtschaft lenken kann als die Notenbank.
Inflation oder Deflation?
Die MMT und die heutigen Notenbanken – auch die SNB, die Preisstabilität bei einer Teuerung zwischen 0 und 2 Prozent sieht – wollen eine leichte Inflation als Puffer gegen eine schädliche Deflation, also sinkende Preise.
Die Österreicher halten sinkende Preise nicht für schlecht. Ludwig von Mises argumentierte, dass ein durch Kredit aufgeblähter Boom in einem deflationären Einbruch endet. Schädlich sei die Bereinigung der vorherigen Fehlinvestitionen, nicht die Deflation an sich – man dürfe die beiden nicht verwechseln. Tatsächlich sanken die Preise im klassischen Goldstandard von 1871 bis 1914 über lange Strecken, während die Wirtschaft real stark wuchs und sich rasant industrialisierte. Mehr dazu in Die Fiatgeld-Lüge.
Auch die Schweiz hat Erfahrung mit sinkenden Preisen: Nach der Aufhebung des Euro-Mindestkurses fiel die Teuerung 2015 auf minus 1,1 Prozent. Eine Abwärtsspirale blieb aus, die Arbeitslosigkeit blieb tief, und wer Franken sparte, konnte sich mehr leisten.
Selbst John Maynard Keynes, ein Befürworter staatlicher Eingriffe, der den Goldstandard ein «barbarisches Relikt» nannte, warnte in seinen «Essays in Persuasion»: Mit fortgesetzter Inflation könnten Regierungen heimlich und unbemerkt einen grossen Teil des Vermögens ihrer Bürger konfiszieren – willkürlich, sodass viele verarmen und einige wenige reich werden. Er berief sich dabei auf einen Lenin zugeschriebenen Satz, wonach man das kapitalistische System am besten über die Entwertung der Währung zerstöre. Trotzdem befürwortete Keynes hohe Staatsausgaben und eine lenkende Rolle des Staates. Und als die Bank of England im Ersten Weltkrieg heimlich Kriegsanleihen kaufte, um deren Misserfolg zu verbergen, lobte er das intern als meisterhafte Manipulation.
Inflation trifft vor allem Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer, die ständig um Lohnerhöhungen verhandeln müssen, um real nicht weniger zu verdienen. Wer dagegen Vermögenswerte wie Aktien oder Immobilien besitzt, profitiert, weil die Menschen ihr Geld bei schwindendem Geldwert genau dort parken. Und wer sich günstig verschulden kann, gewinnt doppelt, weil seine Schulden mit dem Geld an Wert verlieren.
Bitcoin ist Freiheit
Würde Bitcoin zum Geld der Menschen, könnten Staaten ihren Einfluss auf Wirtschaft und Gesellschaft kaum noch beliebig ausweiten. Sie könnten nicht mehr nach Belieben Geld drucken, sondern müssten mit dem auskommen, was ihnen die Bürger freiwillig oder über Steuern überlassen. Eine Regierung, die gut entscheidet, bekäme das Vertrauen und das Geld der Bürger auch beim nächsten Mal. Eine, die das Geld verschwendet, verlöre ihre Finanzierung. Mit unbegrenztem Gelddrucken dagegen bleibt eine Regierung immer handlungsfähig, weil sie die nötige Kaufkraft einfach von allen Konten abzieht – und muss für ihre Entscheide nie geradestehen.
Besonders deutlich wird der Unterschied beim digitalen Zentralbankgeld, wie es die EU mit dem digitalen Euro plant. Hätte jede Bürgerin und jeder Bürger ein Konto direkt bei der Notenbank, könnte der Staat Guthaben direkt belasten, unerwünschtes Verhalten bestrafen oder vorschreiben, wofür Geld ausgegeben werden darf. Die SNB plant zurzeit kein solches digitales Franken-Bargeld für die Allgemeinheit, sondern nur digitales Zentralbankgeld für Banken. Bitcoin ist das Gegenmodell zu jeder Form von kontrolliertem Geld: ein Geld, das sich nicht zensieren und nicht beschlagnahmen lässt.
Zusammenfassung
Ein frei gewähltes Geld, das der Staat nicht vermehren kann, würde die Macht des Staates stark begrenzen: keine Kriegsfinanzierung mit der Notenpresse, keine Rettung von Banken mit neuem Geld. MMT-Vertreter Höfgen sieht genau darin die Gefahr: In einer TV-Runde nannte er Bitcoin eine Katastrophe, weil sich der Staat dann weder Kriege noch den Kampf gegen den Klimawandel leisten könnte. Wie Bitcoin Kriege verhindern könnte, ist Thema der Artikelreihe Wie Bitcoin Kriege verhindern kann.
Am Ende ist die Debatte eine Frage der Weltanschauung. Wer glaubt, dass staatliche Eingriffe die Wirtschaft effizienter machen, sieht im Geldmonopol ein nützliches Werkzeug für einen starken Staat. Wer glaubt, dass staatliche Eingriffe dem Wohlstand eher schaden, sieht im Geldmonopol und in unbegrenzter Staatsfinanzierung eine Gefahr. Mit dieser Skepsis sind die Österreicher nicht allein: Selbst die Grossbank Morgan Stanley bezeichnete die MMT als riskantes Experiment, das den Staat aufbläht, obwohl Staaten Kapital nachweislich weniger effizient einsetzen als Private.
Beispiele dafür liefert jedes Jahr die Liste verschwendeter Steuergelder, die Steuerzahlerverbände veröffentlichen: Brücken ins Nichts, ungenutzte Gebäude, Prestigeprojekte. Man kann einwenden, das Geld sei nicht verloren, weil es ja bei jemandem ankommt. Doch eine Strasse, die niemand braucht, verbraucht Material und Arbeitskraft, die anderswo echten Nutzen gestiftet hätten. Und selbst wenn ein Staat das Geldmonopol klug nutzen würde – es könnte von einer künftigen Regierung missbraucht werden.
Fazit
Im Kern geht es um eine einfache Frage: Wissen zentrale Planer besser als Einzelne und Märkte, wie viel Geld eine Volkswirtschaft braucht und wohin es fliessen soll? Genau das setzt die MMT voraus. Dass ein Staat genau die richtige Menge Geld schaffen, sie richtig verteilen und dabei weder Überhitzung noch Inflation auslösen kann, ist wenig wahrscheinlich. Und wenn es misslingt, heisst es gerne, die Planung sei nur noch nicht gut genug gewesen und es brauche einfach die richtigen Leute am Steuer.
Die MMT hat dennoch ein Verdienst: Sie erklärt sehr offen, wie unser Geldsystem funktioniert, und zeigt, dass staatliches Geld nie wirklich knapp ist. Wer das heutige Finanzsystem verstehen will, findet in ihr ein nützliches Werkzeug. Fragwürdig sind ihre Schlussfolgerungen und politischen Empfehlungen, vor allem dass neues Geld keine Inflation verursache und Deflation um jeden Preis vermieden werden müsse.
Viele Menschen wissen gar nicht, dass Geld aus dem Nichts geschaffen werden kann. Hier leistet die MMT Aufklärung. Doch je mehr Menschen verstehen, dass der Staat Geld beliebig schaffen kann, desto grösser könnte der Druck werden, genau das zu tun. Klaus Schwab, Gründer des Weltwirtschaftsforums, beschreibt in seinem Buch «The Great Reset» diesen Mechanismus selbst: Die Idee, dass die Notenbank die Schulden des Staates kauft und der Staat das Geld nach Belieben verteilt, sei verlockend und machbar. Sobald die Bürger aber einen «magischen Geldbaum» sehen, gerieten Politiker unter unerbittlichen Druck, immer mehr Geld zu schaffen – und dann komme die Inflation.
Ein anderer möglicher Ausgang: Die Menschen verlieren das Vertrauen in das staatliche Geld ganz, sobald sie erkennen, dass es fast ohne Kosten aus dem Nichts entsteht und auch tatsächlich so geschaffen wird. Würde die Vision der MMT Wirklichkeit, könnten eine Flucht aus dem Staatsgeld und eine Hyperinflation das System zum Scheitern bringen – erst recht, wenn es mit Bitcoin eine knappe Alternative gibt, die sich nicht verbieten lässt.