Kurz gesagt
- Mit einer optionalen Passphrase entstehen aus denselben 12 oder 24 Sicherungswörtern völlig andere Wallets.
- Sie ist eine Funktion für Fortgeschrittene, die die Sicherheit deutlich erhöhen kann.
- Sie hat aber eigene Risiken und Eigenheiten, die man kennen muss.
- Der Spitzname «25. Wort» ist irreführend und sollte vermieden werden.
Wer sich mit der Sicherheit seiner Bitcoin beschäftigt, stösst früher oder später auf die optionale Passphrase. Sie gilt als eine der wirkungsvollsten Massnahmen gegen Diebstahl – und gleichzeitig als eine der häufigsten Ursachen für selbst verschuldete Verluste. Dieser Beitrag erklärt, wie sie funktioniert, wann sie sinnvoll ist und worauf du achten musst.
Zu den Begriffen: Mit Sicherungswörtern meine ich die Liste aus 12 oder 24 Wörtern, die dir deine Wallet beim Einrichten zeigt. Den Seed nenne ich den Wert, der aus diesen Wörtern zusammen mit der Passphrase berechnet wird und aus dem alle Schlüssel entstehen. Im Alltag werden beide Begriffe oft vermischt.
So funktioniert die Passphrase
Am Anfang jeder Wallet steht eine grosse Zufallszahl. Aus ihr werden die Sicherungswörter gebildet. Aus den Wörtern und einem zusätzlichen Wert – normalerweise einer festen, leeren Vorgabe – berechnet die Wallet den Seed, und aus dem Seed entstehen alle Schlüssel und Adressen. Mehr dazu in Was ist eine Wallet?
Die Passphrase ersetzt diesen leeren Zusatzwert durch einen selbst gewählten Text. Dadurch entsteht ein völlig anderer Seed – und damit eine komplett andere Wallet mit eigenen Schlüsseln und Adressen. Die Sicherungswörter bleiben dieselben.
Wichtige Eigenschaften
Jede Passphrase ist gültig
Es gibt keine «falsche» Passphrase. Vertippst du dich, öffnet sich einfach eine andere, leere Wallet. Es wird nichts gelöscht oder überschrieben, und deine anderen Wallets bleiben unberührt. Man kann sich das vorstellen wie eine Kommode mit unendlich vielen Schubladen: Jede Passphrase öffnet eine andere Schublade, und die meisten sind leer.
Nachträglich nicht möglich
Einer bestehenden Wallet lässt sich nicht nachträglich eine Passphrase hinzufügen. Weil die Passphrase eine neue Wallet erzeugt, musst du deine Bitcoin von der Wallet ohne Passphrase in die neue Wallet mit Passphrase überweisen.
Kein Gedächtnis
Die meisten Wallets und Hardware-Wallets speichern die Passphrase nicht. Das ist gewollt: Nur so ist sie ein wirklich unabhängiger zweiter Faktor. Die Kehrseite: Das Gerät kann dich auch nicht warnen, wenn du dich vertippst. Bei der BitBox02, die ich empfehle, gibst du die Passphrase bei jedem Entsperren neu ein; sie wird nirgends gespeichert. Manche andere Geräte bieten an, die Passphrase auf dem Gerät abzulegen. Das ist bequemer, besonders bei langen Passphrasen, schwächt aber genau die Unabhängigkeit vom Gerät, um die es geht.
Standardisiert
Die Passphrase ist im selben Standard festgelegt wie die Sicherungswörter (BIP 39). Eine Wallet mit Passphrase, die du auf einem Gerät erstellt hast, lässt sich deshalb in der Regel auch mit einer anderen Wallet-Software oder einem anderen Hardware-Wallet wiederherstellen.
Warum «25. Wort» irreführend ist
Oft wird die Passphrase als «25. Wort» bezeichnet. Der Spitzname legt nahe, es handle sich um ein einzelnes zusätzliches Wort – und verführt Einsteiger dazu, ein einfaches, leicht zu merkendes Wort zu wählen. Genau das kann ein Angreifer aber leicht erraten. Am schlechtesten ist ein Wort aus der offiziellen Wortliste der Sicherungswörter, denn die umfasst nur 2048 Wörter.
Eine gute Passphrase wählen
Behandle die Passphrase wie ein starkes Passwort: lang und unvorhersehbar. Wer die Sicherungswörter findet, kann deine Passphrase nur noch durch Raten knacken – und Computer raten sehr schnell. Eine Passphrase aus mehreren zufälligen Wörtern, Zahlen und Zeichen, etwa 20 Zeichen und mehr, macht das praktisch unmöglich. Ziel ist eine Stärke, die mit den Sicherungswörtern selbst vergleichbar ist.
Über die genauen Regeln – Länge, Gross- und Kleinschreibung, Ziffern, Sonderzeichen – kann man streiten. Bedenke aber auch die Praxis: Auf einem kleinen Hardware-Wallet ist eine sehr komplizierte Passphrase mühsam einzutippen, und Sonderzeichen sind auf manchen Geräten schwer zu finden. Wähle einen vernünftigen Kompromiss, bei dem die Sicherheit Vorrang hat.
Wie stark ist stark genug?
Ein Rechenbeispiel hilft. Wählt man Wörter zufällig aus einer Liste mit 7'776 Wörtern – etwa durch Würfeln mit fünf Würfeln, ein bekanntes Verfahren für Passwörter –, bringt jedes Wort rund 13 Bit Zufall. Zehn solche Wörter ergeben rund 129 Bit, so viel wie 12 Sicherungswörter. Schon sechs zufällige Wörter mit insgesamt etwa 78 Bit wären für einen Angreifer, der nur die Sicherungswörter gefunden hat, praktisch nicht zu erraten. Ein einzelnes Wort aus dem Wörterbuch hat dagegen nur rund 17 Bit – das errät ein Computer in Sekunden.
Entscheidend ist der Zufall. Eine selbst ausgedachte Passphrase aus dem Lieblingsfilm, dem Geburtsdatum der Kinder oder dem Namen des Haustiers ist viel leichter zu erraten, als sie aussieht. Angreifer probieren solche naheliegenden Varianten zuerst.
Eine Passphrase einrichten
So gehst du bei einem Hardware-Wallet wie der BitBox02 vor:
- Aktiviere in der App die Passphrase-Funktion. Ab jetzt fragt dich das Gerät bei jedem Entsperren nach einer Passphrase.
- Gib die gewählte Passphrase direkt auf dem Gerät ein und bestätige sie.
- Die App zeigt dir jetzt eine neue, leere Wallet. Notiere dir eine Empfangsadresse.
- Sperre das Gerät, entsperre es erneut mit derselben Passphrase und prüfe, ob wieder dieselbe Adresse erscheint.
- Überweise zuerst einen kleinen Betrag und spiele die Wiederherstellung einmal durch, bevor du deinen Bestand umziehst.
- Bewahre die notierte Passphrase an einem anderen Ort auf als die Sicherungswörter.
Wozu eine Passphrase gut ist
Ein zweiter Faktor
Ohne Passphrase hängt die Sicherheit deiner Bitcoin allein an den Sicherungswörtern. Findet ein Dieb sie, ist alles weg. Bei kleinen Beträgen mag man dieses Risiko in Kauf nehmen, bei grossen ist es kaum tragbar. Mit einer Passphrase braucht ein Angreifer beides: die Wörter und die Passphrase. Das schützt vor Einbrechern, vor neugierigen Mitbewohnern und vor allen, die zufällig an deine Sicherung oder dein Hardware-Wallet gelangen.
Wichtig ist, dass du die Passphrase getrennt von den Sicherungswörtern aufbewahrst – sonst ist der Schutz dahin. Sie nur im Kopf zu behalten, ist allerdings keine gute Idee; dazu gleich mehr.
Glaubhaft abstreiten
Weil jede Passphrase eine gültige Wallet öffnet, lässt sich eine versteckte Wallet einrichten. Das Szenario: Wirst du bedroht und gezwungen, deine Bitcoin herauszugeben, zeigst du die Wallet ohne Passphrase, in der nur ein kleiner Betrag als Köder liegt. Der grosse Teil bleibt in der Wallet mit Passphrase verborgen.
Ob das in der Praxis funktioniert und ob man unter Druck überzeugend bleibt, ist fraglich. Das muss jede und jeder für sich beurteilen. Ein Angreifer, der sich mit Bitcoin auskennt, weiss ebenfalls von dieser Möglichkeit. Damit der Köder glaubwürdig wirkt, sollte die Wallet ohne Passphrase ausserdem eine echte Geschichte haben – also über die Zeit genutzt worden sein und einen nicht ganz unbedeutenden Betrag enthalten. Eine leere Wallet macht einen Angreifer eher misstrauisch.
Passphrase oder Multisig?
Beide Verfahren schützen davor, dass ein einzelner gefundener Gegenstand genügt, um deine Bitcoin zu stehlen. Die Passphrase ist einfacher einzurichten und kostet nichts, verlangt aber höchste Sorgfalt bei der Aufbewahrung. Multisig verteilt das Risiko auf mehrere Geräte und Orte, ist aber deutlich komplexer. Für die meisten Fortgeschrittenen ist die Passphrase der naheliegende nächste Schritt nach einem einfachen Hardware-Wallet.
Die Risiken
Der Schutz hat eine Kehrseite: Vergisst oder verlierst du eine starke Passphrase, sind deine Bitcoin für immer verloren. Es gibt keine Möglichkeit, sie zurückzusetzen.
Darum gilt: Schreibe die Passphrase auf und bewahre sie an einem anderen Ort auf als die Sicherungswörter – beide schriftlich, beide sicher. Sich nur auf das Gedächtnis zu verlassen, ist die schlechteste Lösung, auch wenn es das «Lieblingspasswort» ist. Erinnerungen trügen, besonders nach Jahren oder in einer Stresssituation.
Wo bewahrt man die Passphrase am besten auf? Bewährt hat sich ein zweiter, unabhängiger Ort: etwa ein Bankschliessfach, wenn die Sicherungswörter zu Hause liegen, oder ein versiegelter Umschlag bei einer Vertrauensperson. Manche notieren die Passphrase zusätzlich in einem gut geschützten Passwort-Programm – das ist bei der Passphrase vertretbarer als bei den Sicherungswörtern, weil sie allein nichts nützt. Wichtig ist nur, dass nie beides am selben Ort liegt.
Wie real dieses Risiko ist, zeigt eine Erfahrung aus dem Support von BitBox: Laut einem Mitarbeiter gehen dort regelmässig Anfragen wegen vergessener Passphrasen ein – Fälle von gestohlenen Bitcoin aus Wallets ohne Passphrase sind ihm dagegen nicht bekannt. Spezialisierte Firmen können in manchen Fällen helfen, eine vergessene Passphrase wiederzufinden, wenn man sich an Teile erinnert oder sie schwach war. Eine Garantie gibt es nicht, und eine starke Passphrase kann auch niemand knacken.
Weitere Stolperfallen
- Tippfehler: Ein falsch getipptes Zeichen öffnet stillschweigend eine andere Wallet mit anderen Adressen. Sei genau, und prüfe die Passphrase besonders beim ersten Mal mehrfach: Erstelle die Wallet, notiere eine Empfangsadresse, sperre das Gerät, entsperre es mit der Passphrase erneut und kontrolliere, ob dieselbe Adresse erscheint – bevor du Bitcoin überweist.
- Erbe: Deine Erben brauchen sowohl die Sicherungswörter als auch die Passphrase – und müssen verstehen, wie beides zusammenhängt. Plane das rechtzeitig und hinterlege eine verständliche Anleitung.
- Gross- und Kleinschreibung, Leerzeichen: Die Passphrase wird zeichengenau verwendet. «Bitcoin» und «bitcoin» ergeben zwei verschiedene Wallets, ebenso ein zusätzliches Leerzeichen am Ende.
Fazit
Die optionale Passphrase ist ein mächtiges Werkzeug, wenn man sie richtig einsetzt. Fehler können aber zum Totalverlust führen. Sie richtet sich deshalb vor allem an Fortgeschrittene und ist nicht für jede Einsteigerin und jeden Einsteiger ohne Vorbehalt geeignet. Abschrecken will ich damit nicht: Entscheidend ist, dass du verstehst, wie sie funktioniert und welche Risiken sie mit sich bringt.
Wer neu ist, kann problemlos ohne Passphrase beginnen und sie später ergänzen – wenn die Grundlagen sitzen und der Bestand wächst. Wie du deine Sicherungswörter sicher aufbewahrst, steht in Bitcoin selbst verwahren.