Der Bitcoin-Kurs ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Viele fragen sich deshalb, ob es für einen Einstieg nicht längst zu spät ist. Eine Einordnung mit Rückblick, Argumenten, Prognosen bekannter Analysten – und den Risiken.
Ein Blick zurück
Im Mai 2010 bezahlte ein Programmierer in Florida 10'000 Bitcoin für zwei Pizzen – der erste bekannte Kauf mit Bitcoin. Damals kostete ein Bitcoin Bruchteile eines Rappens. Um 2013 lag der Kurs noch unter 100 Dollar, und beim Corona-Einbruch im März 2020 kostete ein Bitcoin weniger als 4'000 Dollar. Heute kostet ein Bitcoin ein Vielfaches davon – den aktuellen Kurs siehst du auf der Bitcoin-Seite. Kein Wunder, dass viele das Gefühl haben, die Chance verpasst zu haben.
Ob sich eine Anlage lohnt, entscheidet aber nicht ihre Vergangenheit, sondern ihr künftiges Potenzial. Ein Vergleich: Amazon, Apple und Microsoft haben ihren frühen Aktionären in den 2010er-Jahren enorme Gewinne gebracht – und trotzdem auch danach noch besser abgeschnitten als der breite Markt. Auch bei Bitcoin dachten schon viele, es sei zu spät: Von Anfang 2011 bis Ende 2013 stieg der Kurs von etwa einem auf rund 1'000 Dollar, also um das Tausendfache. Wer damals dachte, das sei das Ende, verpasste einen weiteren Anstieg um rund das Hundertfache.
Vergangene Gewinne sind keine Garantie. Ein so langes, starkes Wachstum bei wachsender Nachfrage kann aber ein Hinweis darauf sein, dass Bitcoin ein echtes Problem löst. Seit Mai 2010 hat der Kurs mehrere Zyklen durchlaufen: starke Anstiege, gefolgt von Rückgängen um 70 bis 85 Prozent, etwa 2014, 2018 und 2022. Wer in jeder dieser Phasen dabeiblieb, hat über die Jahre deutlich mehr gewonnen als mit fast jeder anderen Anlage. Wer im falschen Moment verkaufte, hat verloren.
Was sich in den letzten Jahren verändert hat
Bitcoin ist nicht mehr dasselbe Nischenthema wie vor zehn Jahren. Drei Entwicklungen haben den Markt grundlegend verändert:
- Grosse Anleger sind eingestiegen: Seit Januar 2024 gibt es in den USA börsengehandelte Bitcoin-Fonds von Vermögensverwaltern wie BlackRock und Fidelity. Damit können Pensionskassen, Vermögensverwalter und Privatanleger Bitcoin so einfach kaufen wie eine Aktie. In der Schweiz werden Bitcoin-Produkte schon seit 2018 an der Börse SIX gehandelt.
- Staaten und Firmen halten Bitcoin: Die US-Regierung hat im März 2025 eine strategische Bitcoin-Reserve eingerichtet. Börsenkotierte Unternehmen halten Bitcoin in ihrer Bilanz, allen voran Strategy. Einzelne Länder akzeptieren Bitcoin sogar als Zahlungsmittel.
- Das Angebot wird knapper: Rund 95 Prozent aller Bitcoin sind bereits geschürft. Seit dem Halving im April 2024 entstehen pro Block nur noch 3,125 neue Bitcoin, das nächste Halving folgt voraussichtlich 2028. Gleichzeitig gehen Bitcoin durch verlorene Schlüssel für immer verloren.
Dadurch ist der Markt grösser, reifer und etwas weniger schwankungsanfällig geworden. Die ganz grossen Kurssprünge der frühen Jahre sind weniger wahrscheinlich – dafür ist Bitcoin heute deutlich etablierter als früher.
Warum Bitcoin kaufen?
Kaufe Bitcoin nur, wenn du langfristig davon überzeugt bist. Wer nur kauft, weil der Kurs gerade steigt, verkauft bei der nächsten Korrektur in Panik. Gute Gründe für eine langfristige Überzeugung gibt es:
- Feste Menge: Das wichtigste Argument. Weder Gold noch staatliches Geld noch Immobilien haben eine so klare, unveränderliche Obergrenze. Auch Gold wird jedes Jahr mehr gefördert.
- Nachfrage und Netzwerkeffekt: Knappheit allein reicht nicht, es braucht auch Nachfrage. Geld lebt vom Netzwerkeffekt: Je mehr Menschen es nutzen, desto nützlicher wird es. Bitcoin ist die erste und am stärksten dezentralisierte Kryptowährung, zieht das meiste Kapital an und steht seit seinem Start auf Platz eins, während andere Kryptowährungen kommen und gehen.
- Physischer Anker: Das Mining verbindet Bitcoin mit realer Energie. Das macht das Netzwerk robust und schwer zu korrumpieren.
- Frei und sicher: Überweisungen lassen sich nicht zensieren, und richtig gesicherte Bitcoin können nicht beschlagnahmt werden.
- Einfacher Besitz: Zwölf Wörter genügen, um ein Vermögen zu sichern und überall wiederherzustellen.
Wie gross ist das Potenzial?
Bitcoin kann sowohl ein weltweites Zahlungsmittel als auch ein überlegener Wertspeicher sein. Dank fester Menge und digitaler Natur lässt er sich einfach verwahren und übertragen. Damit konkurriert er mit allen Anlageklassen, in denen Menschen ihr Vermögen aufbewahren: staatlichen Währungen, Gold, Anleihen, Aktien, Immobilien und Sammlerstücken.
Das weltweite Vermögen wird auf rund 900 Billionen Dollar geschätzt. Etwa die Hälfte davon dient vor allem dazu, Wert zu speichern – selbst Immobilien, Autos oder Uhren, die eigentlich Gebrauchsgegenstände sind, werden oft auch als Wertanlage gekauft. Bitcoin macht davon nur einen Bruchteil aus. Wird er breiter als Wertspeicher genutzt, steigt sein Anteil und damit, bei fester Menge, der Preis.
Besonders oft wird Bitcoin mit Gold verglichen. Beides ist Geld, das keine zentrale Stelle beliebig vermehren kann – anders als Aktien, die ein Unternehmen neu ausgeben kann, oder staatliche Währungen. Viele Analysten halten Bitcoin für das bessere Gold, weil er sich digital prüfen, teilen und versenden lässt. Ausserdem wächst die Goldmenge jedes Jahr, und niemand weiss genau, wie viel noch im Boden liegt. Von den 21 Millionen Bitcoin sind dagegen schon rund 95 Prozent im Umlauf. Der Gesamtwert allen Goldes ist immer noch ein Mehrfaches dessen aller Bitcoin. Würde Bitcoin mit Gold gleichziehen, entspräche das einem Mehrfachen des heutigen Kurses.
Was Analysten erwarten
Kursprognosen sind mit grösster Vorsicht zu geniessen. Interessant sind sie vor allem wegen ihrer Begründung. Zwei bekannte Beispiele:
ARK Invest: Ziel 2030
Die Investmentgesellschaft ARK Invest von Cathie Wood veröffentlichte Anfang 2025 drei Szenarien für das Jahr 2030: rund 300'000 Dollar im pessimistischen, 710'000 Dollar im mittleren und 1,5 Millionen Dollar im optimistischen Fall. Im April 2025 hob ARK die Ziele auf 500'000 Dollar, 1,2 Millionen und 2,4 Millionen Dollar an. Grundlage ist die Annahme, wie stark Bitcoin verschiedene Rollen übernimmt: als «digitales Gold», als Reserve von Staaten und Unternehmen und als Fluchtwährung in Schwellenländern. Im optimistischen Fall übernimmt Bitcoin zum Beispiel einen grossen Teil der Rolle von Gold und einen Teil der Reserven von Staaten und Firmen. Schon das pessimistische Szenario entspräche einem jährlichen Wachstum von deutlich über 20 Prozent, mehr als Aktien im Schnitt bringen. ARK lag mit kühnen Prognosen schon richtig: 2018 sagte Cathie Wood für Tesla einen Kurs voraus, der damals als absurd galt und zwei Jahre später erreicht war.
Michael Saylor: Ziel 2045
Michael Saylor, Gründer der Firma Strategy (früher MicroStrategy), die selbst Hunderttausende Bitcoin hält, stellte im Sommer 2024 seine Szenarien für 2045 vor: 3 Millionen Dollar im pessimistischen, 13 Millionen im mittleren und 49 Millionen Dollar im optimistischen Fall. Er geht davon aus, dass Bitcoin im mittleren Fall 7 Prozent des weltweiten Vermögens ausmacht; das entspräche einem jährlichen Wachstum von knapp 30 Prozent. Selbst sein pessimistisches Szenario läge noch klar über der langfristigen Rendite von Aktien. Saylor sah schon in seinem Buch «The Mobile Wave» von 2012 den Siegeszug von Smartphone- und Technologiefirmen voraus, und die Aktie seiner Firma hat sich seit dem ersten Bitcoin-Kauf 2020 nach eigenen Angaben besser entwickelt als jede Aktie im amerikanischen Börsenindex S&P 500. Man muss aber wissen: Saylor ist einer der überzeugtesten Bitcoin-Befürworter überhaupt.
Wie man solche Prognosen lesen sollte
Beide Prognosen stammen von Akteuren, die selbst stark in Bitcoin investiert sind und von steigenden Kursen profitieren. Sie beruhen auf Annahmen darüber, wie viele Menschen, Firmen und Staaten Bitcoin künftig halten – und diese Annahmen können sich als zu optimistisch erweisen. Nützlich sind die Modelle trotzdem: Sie zeigen, welche Rolle Bitcoin spielen müsste, damit bestimmte Kurse erreicht werden, und machen damit greifbar, wovon der künftige Wert abhängt. Wer selbst einschätzen will, wie realistisch das ist, sollte sich weniger an den Zahlen als an der Begründung orientieren.
Bei aller Vorsicht gegenüber solchen Zahlen: Wer Bitcoin bisher mindestens rund vier Jahre gehalten hat, lag in der Vergangenheit in aller Regel im Plus. Je länger der Anlagehorizont, desto weniger fallen kurzfristige Schwankungen ins Gewicht.
Was dagegen spricht
- Starke Schwankungen: Ein Rückgang um die Hälfte innerhalb weniger Monate ist möglich. Wer das nicht aushält oder das Geld bald braucht, sollte nicht einsteigen.
- Keine Erträge: Bitcoin zahlt keine Zinsen und keine Dividenden. Der Wert hängt allein von der künftigen Nachfrage ab.
- Unsicherheit: Regulierung, technische Probleme oder ein grundlegender Stimmungswandel lassen sich nie ganz ausschliessen.
Wie einsteigen?
Bitcoin schwankt nach wie vor stark. Lange Durststrecken durchzustehen ist nicht einfach, besonders wenn man kurz vor einem Höchststand gekauft hat. Ich würde so vorgehen:
- Erst die Grundlagen: Notgroschen, keine teuren Schulden, Versicherungen in Ordnung.
- Betrag festlegen: Nur so viel, wie du auch bei einem Rückgang um 80 Prozent ruhig liegen lassen könntest.
- Sparplan statt Einmalkauf: Jeden Monat einen festen Betrag. Das senkt das Risiko eines schlechten Einstiegszeitpunkts, nimmt Gier und Angst aus der Entscheidung und sorgt für einen Durchschnittspreis.
- Lange Sicht: Plane mit mindestens vier Jahren, also einem ganzen Halving-Zyklus.
- Selbst verwahren: Sobald der Betrag relevant wird, gehören die Bitcoin auf ein eigenes Hardware-Wallet – siehe Bitcoin selbst verwahren.
So funktioniert ein Sparplan in der Praxis: Du legst zum Beispiel fest, jeden Monat 100 Franken in Bitcoin anzulegen, und richtest bei deiner Kauf-App einen Dauerauftrag ein. Steht der Kurs hoch, bekommst du für deine 100 Franken weniger Satoshi; fällt er, bekommst du automatisch mehr. Über die Jahre ergibt sich so ein Durchschnittspreis, und du musst nie entscheiden, ob gerade ein guter Moment ist. Gerade in Phasen, in denen alle Schlagzeilen negativ sind, kaufst du so günstig ein – ohne Mut aufbringen zu müssen.
Ist es nie zu spät?
Vieles spricht dafür, dass immer mehr Menschen die Vorteile von Bitcoin erkennen und einen Teil ihres Vermögens darin anlegen. Der weltgrösste Vermögensverwalter BlackRock wirbt inzwischen selbst für Bitcoin und hebt dessen Eigenschaften hervor. Die US-Regierung hat im März 2025 eine strategische Bitcoin-Reserve eingerichtet und spricht von «digitalem Gold». Die Angst vor einem Verbot ist damit weitgehend unbegründet, zumal sich ein Verbot kaum durchsetzen liesse. Manche Analysten halten das Verhältnis von Chance und Risiko deshalb für so gut wie selten zuvor.
Dazu kommt: Staatliche Währungen verlieren über die Zeit systematisch an Kaufkraft. In der Bitcoin-Szene sagt man deshalb, Bitcoin habe keinen Höchststand, weil staatliches Geld keinen Boden habe. Am Ende bleibt die Frage: Kann es zu spät sein, ein Gut mit fester Menge zu kaufen, das irgendwann sehr viele Menschen haben wollen?
Fazit
Ob Bitcoin in zehn Jahren mehr oder weniger wert ist als heute, weiss niemand. Wer die Idee verstanden hat, an eine wachsende Rolle von Bitcoin glaubt und die Schwankungen aushält, findet mit einem Sparplan einen vernünftigen Weg hinein. Wer schnell reich werden will, ist hier falsch.
Dieser Beitrag ist keine Anlageberatung. Er gibt meine persönliche Einschätzung und die Einschätzungen Dritter wieder.