Bitcoin · Netzwerk & Weiterentwicklung

Die Spaltung des Bitcoin-Netzwerks: der «Independence Day»

Der Streit um die Blockgrösse von 2015 bis 2017: wie Firmen und Miner Bitcoin übernehmen wollten und die Nutzer sich durchsetzten.

Samy Nomikos · 8 Min. Lesezeit

Am 1. August 2017 spaltete sich das Bitcoin-Netzwerk: Aus einem Bitcoin wurden zwei – Bitcoin (BTC) und Bitcoin Cash (BCH). Viele in der Szene nennen diesen Tag den «Independence Day» von Bitcoin, den Tag der Unabhängigkeit. Dahinter steckt ein jahrelanger Machtkampf um die Frage, wer über die Zukunft von Bitcoin entscheidet. Seine Geschichte zeigt, wie Bitcoin funktioniert – und wer am Ende das Sagen hat.

Der Ausgangspunkt: 1 Megabyte

Seit 2010 waren Bitcoin-Blöcke auf 1 Megabyte begrenzt. Damit liessen sich nur rund vier bis sieben Überweisungen pro Sekunde abwickeln. Je beliebter Bitcoin wurde, desto voller wurden die Blöcke und desto höher die Gebühren. Für viele war das viel zu wenig für ein weltweites Zahlungsnetz. Um die Frage, wie man damit umgehen sollte, bildeten sich zwei Lager:

  • Die «Small Blockers» wollten die Grenze vorerst beibehalten. Grössere Blöcke würden den Betrieb eines eigenen Knotens teurer machen, sodass sich nur noch grosse Firmen einen leisten könnten. Damit gingen Dezentralität und Zensurresistenz verloren – und genau die machen Bitcoin aus. Sie dachten in Zeiträumen von Jahrzehnten und setzten auf andere Wege zur Skalierung, etwa eine zweite Schicht über Bitcoin.
  • Die «Big Blockers» wollten Bitcoin vor allem als Zahlungsmittel für den Alltag und eine schnelle Verbreitung. Dafür nahmen sie in Kauf, dass weniger Menschen einen eigenen Knoten betreiben könnten.

Bitcoin XT

2015 schlugen die Entwickler Mike Hearn und Gavin Andresen mit «Bitcoin XT» eine Lösung vor: Die Blockgrösse sollte auf 8 Megabyte steigen und sich danach alle zwei Jahre verdoppeln, bis auf 8 Gigabyte im Jahr 2036. Weil diese Software nicht mit der bisherigen, Bitcoin Core, verträglich war, hätte sie eine Hard Fork bedeutet.

Andresen hatte Gewicht: Satoshi Nakamoto hatte ihm 2010 die Verantwortung für die Weiterentwicklung der Software übertragen, bevor er sich zurückzog. Danach galt er als einer der wichtigsten Entwickler überhaupt. Bitcoin XT fand trotzdem wenig Anklang: Zeitweise lief die Software auf rund einem Zehntel der Knoten, doch die Miner zogen nicht mit, und das Projekt verlief im Sand. Satoshi selbst hatte sich in der Frage der Skalierung nie eindeutig festgelegt. Der frühe Bitcoin-Pionier Hal Finney hatte dagegen schon 2010 geschrieben, Bitcoin werde eine zweite Schicht von Zahlungssystemen brauchen. Und in einer E-Mail hatte Satoshi davor gewarnt, sich von einzelnen charismatischen Führungsfiguren abhängig zu machen.

SegWit als Kompromiss

Der Entwickler Pieter Wuille schlug einen anderen Weg vor: Segregated Witness, kurz SegWit. Es erhöhte die Kapazität der Blöcke, ohne eine Hard Fork zu erfordern, und machte gleichzeitig zweite Schichten wie das Lightning-Netzwerk möglich. Wie das funktioniert, erkläre ich in Was ist eine Soft Fork oder Hard Fork?

Im Dezember 2015 stellte Wuille SegWit an einer Konferenz in Hongkong vor. Die Entwickler von Bitcoin Core legten einen Plan vor, wie Bitcoin mit SegWit und darauf aufbauenden Systemen wachsen sollte. Für die Small Blockers war das der richtige Weg: mehr Kapazität, ohne die Dezentralität zu gefährden.

Viele Big Blockers lehnten SegWit ab. Mike Hearn erklärte Bitcoin Anfang 2016 öffentlich für gescheitert, verkaufte seine Bitcoin und zog sich zurück. An seine Stelle trat als einflussreichste Figur Jihan Wu, Mitgründer von Bitmain. Bitmain stellte den Grossteil der weltweiten Mining-Geräte her und betrieb mit Antpool und BTC.com einige der grössten Mining-Pools.

Bitcoin Classic und Craig Wright

Für die Miner ging es dabei auch ums Geschäft. Bitmain verdiente am Verkauf von Mining-Geräten und an den eigenen Pools. Später wurde bekannt, dass Bitmain-Geräte eine Technik namens «AsicBoost» nutzen konnten, die das Mining effizienter machte – und die mit SegWit nur noch eingeschränkt funktioniert hätte. Ob das die Haltung beeinflusste, ist umstritten.

2016 folgte «Bitcoin Classic», getragen von Wu, Andresen, vielen Big Blockers und Firmen wie der Handelsplattform Coinbase. Im selben Jahr trat erstmals der Australier Craig Wright auf und behauptete, Satoshi Nakamoto zu sein. Andresen stellte sich öffentlich hinter ihn. Wright konnte seine Behauptung nie belegen und wurde mehrfach der Fälschung überführt; 2024 stellte ein britisches Gericht fest, dass er nicht Satoshi ist. Andresen äusserte erst Jahre später Zweifel. Viele vermuten, dass Wrights Auftritt den Big Blockers als Rückendeckung dienen sollte.

Wie riskant eine umstrittene Hard Fork ist, zeigte 2016 ein anderes Projekt: Nach einem Hack spaltete sich Ethereum in zwei Netzwerke. Klar wurde, dass eine neue Software Bitcoin Core nicht einfach ablösen kann. Bitcoin Classic verlor an Bedeutung.

Bitcoin Unlimited

Noch weiter ging «Bitcoin Unlimited»: Die Blockgrösse sollte nicht mehr fest vorgegeben sein, und auch andere technische Grundlagen sollten sich ändern. Wu und Andresen schlossen nicht einmal aus, Bitcoin Core anzugreifen, etwa indem Miner absichtlich leere Blöcke erzeugen. Wu bezeichnete einen solchen Angriff als «eine Option». Auf dem Höhepunkt stand ein beträchtlicher Teil der Mining-Leistung hinter Bitcoin Unlimited, doch die Small Blockers hielten stand. Mehrere schwere Programmfehler, durch die im Frühling 2017 zahlreiche Unlimited-Knoten abstürzten, kosteten das Projekt zusätzlich Vertrauen.

Das «New York Agreement»

Im Mai 2017 trafen sich am Rand der Konferenz «Consensus» in New York Vertreter grosser Firmen und Mining-Pools hinter verschlossenen Türen, darunter Coinbase, Grayscale und die grössten Pools. Die Small Blockers und die Entwickler von Bitcoin Core waren nicht eingeladen. Beschlossen wurde «SegWit2x»: zuerst SegWit aktivieren, rund sechs Monate später per Hard Fork die Blockgrösse auf 2 Megabyte verdoppeln.

Unterzeichnet wurde die Vereinbarung von fast 60 Firmen aus über 20 Ländern, die zusammen über 80 Prozent der Rechenleistung des Netzwerks vertraten. Auf dem Papier war das eine überwältigende Mehrheit. Doch weder die Entwickler noch die vielen Nutzerinnen und Nutzer, die eigene Knoten betrieben, waren gefragt worden.

Viele empfanden das als Angriff auf das Grundprinzip von Bitcoin: Hier wollten einige wenige Unternehmen über die Regeln eines Netzwerks bestimmen, das allen gehört. Das Misstrauen gegenüber solchen Hinterzimmer-Runden sitzt in der Szene bis heute tief, und Firmen wie Coinbase werden dafür noch immer kritisiert.

Die Nutzer schlagen zurück

Die Antwort kam von unten: der «User Activated Soft Fork», kurz UASF, festgehalten im Vorschlag BIP 148. Nutzerinnen und Nutzer kündigten an, ihre Knoten ab dem 1. August 2017 so einzustellen, dass sie alle Blöcke ablehnen, die SegWit nicht unterstützen. Für Miner hätte das bedeutet: Ihre Blöcke wären für einen wachsenden Teil der Wirtschaft wertlos geworden – samt der Belohnung darin.

Hinter dem UASF stand keine Firma, sondern eine lose Bewegung von Nutzerinnen, Entwicklern und Händlern. Sie zeigten ihre Unterstützung offen, etwa mit Mützen mit der Aufschrift «UASF», die zum Symbol wurden. Das Risiko war gross: Hätten die Miner nicht nachgegeben, hätte sich das Netzwerk am 1. August 2017 gespalten – mit ungewissem Ausgang.

Das Pikante: Im Sommer 2017 unterstützten über 80 Prozent der Rechenleistung SegWit2x. Trotzdem gaben die Miner nach. Um eine Spaltung zu vermeiden, aktivierten sie im Juli 2017 einen Zwischenschritt (BIP 91), der die Forderung des UASF erfüllte: Ab sofort wurden nur noch Blöcke akzeptiert, die SegWit signalisierten. Ende Juli 2017 kündigte auch Bitmain an, SegWit zu unterstützen – eine Niederlage für Jihan Wu. SegWit wurde am 24. August 2017 aktiviert. Der zweite Teil, die Verdopplung der Blockgrösse, wurde am 8. November 2017 offiziell abgesagt, weil sich abzeichnete, dass ihn die Nutzer nicht mittragen würden.

Die Rolle der Wirtschaft

Entscheidend war am Ende nicht nur, wer Knoten betreibt, sondern welche Bitcoin die Wirtschaft akzeptiert. Handelsplattformen, Zahlungsdienstleister und Händler mussten sich entscheiden, welche Kette sie als «Bitcoin» führen. Viele kündigten an, im Fall einer Spaltung die Kette mit den bisherigen Regeln als Bitcoin zu behandeln. Für die Miner war das ein starkes Signal: Blöcke auf einer Kette, deren Münzen niemand annimmt, sind wertlos – egal, wie viel Rechenleistung dahintersteckt. Miner folgen dem Geld, und das Geld folgt den Nutzern.

Die Geburt von Bitcoin Cash

Für den Fall, dass das New York Agreement scheitern sollte, hatte der Unternehmer Roger Ver seine Unterstützung für eine Abspaltung zugesagt. Am 1. August 2017 entstand Bitcoin Cash: eine Hard Fork von Bitcoin mit 8 Megabyte grossen Blöcken. Wer zu diesem Zeitpunkt Bitcoin besass, erhielt gleich viele Bitcoin Cash dazu. Viele enttäuschte Anhänger der grossen Blöcke wechselten.

An den Erfolg von Bitcoin kam Bitcoin Cash nie heran. Gemessen in Bitcoin hat es seither den grössten Teil seines Werts verloren. Im November 2018 spaltete sich Bitcoin Cash selbst noch einmal: Craig Wright und seine Unterstützer gründeten «Bitcoin SV» mit noch grösseren Blöcken. Die Geschichte zeigt: Wer Bitcoin kopiert, bekommt den Code, aber nicht das Netzwerk, die Nutzer und das Vertrauen.

Was bedeutete das für Bitcoin-Besitzer?

Wer am 1. August 2017 Bitcoin selbst verwahrte, besass danach gleich viele Bitcoin Cash. Viele verkauften die neuen Münzen umgehend. Gleichzeitig nutzten Betrüger die Verwirrung aus: Gefälschte Wallets versprachen, die Bitcoin Cash «freizuschalten», und stahlen dabei die Sicherungswörter – und damit auch die Bitcoin. Die Lehre gilt bis heute: Bei einer Abspaltung nichts überstürzen und Sicherungswörter niemals in unbekannte Software eingeben.

Was wir daraus lernen

  • Die Knoten entscheiden: Nicht Miner, Firmen oder bekannte Entwickler bestimmen die Regeln von Bitcoin, sondern die vielen Menschen, die einen eigenen Knoten betreiben und damit festlegen, welche Blöcke sie akzeptieren. Miner sind Dienstleister, die das Netzwerk sichern – aber nach den Regeln der Nutzer.
  • Kleine Blöcke schützen die Unabhängigkeit: Weil die Blöcke klein blieben, kann heute fast jede und jeder einen eigenen Knoten betreiben. Genau das gab den Nutzern 2017 die Macht.
  • Es war knapp: Im Rückblick wirkt der Ausgang selbstverständlich. Damals unterstützte die grosse Mehrheit der Miner die andere Seite, und niemand wusste, wie es ausgeht.
  • Bitcoin hält Druck stand: Netzwerk und Gemeinschaft haben einen Angriff von einflussreichen Firmen und Minern überstanden. Viele der damaligen Hauptfiguren sind bis heute in der Szene aktiv.

Wer die ganze Geschichte nachlesen will: Das Buch «The Blocksize War» von Jonathan Bier erzählt die Jahre 2015 bis 2017 ausführlich.

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